{"id":447,"date":"2020-03-21T14:51:24","date_gmt":"2020-03-21T13:51:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.katrinkruse.com\/?p=447"},"modified":"2020-03-21T14:57:28","modified_gmt":"2020-03-21T13:57:28","slug":"postfashion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.katrinkruse.com\/de\/allgemeines\/postfashion\/","title":{"rendered":"Postfashion"},"content":{"rendered":"<p class=\"subheader\">taz, Kultur, 3.3.2020<\/p>\n<p class=\"introduction\">Mode hei\u00dft nicht notwendig Konsum. Mode hei\u00dft: sehen lernen, was Kleider machen.<\/p>\n<p>Wir stellen uns die Mode als Ort der Gehorsamkeit vor. Als Vorgabe, die von anderen kommt. So als k\u00f6nne man sie mitmachen oder sich ihr verweigern. Dabei ist es so: Wir sind immer schon drin. Alle, die sich kleiden, sind in der Mode. Nur: wie?<\/p>\n<p>Welche Art von K\u00f6rper Erotik beanspruchen d\u00fcrfen, wie gro\u00df das Spiel des Eigenen ist, was und wann man feiern darf und ob man selbst, jetzt und so, dazugeh\u00f6rt. Oder gleich: Worum es geht in der eigenen Existenz.<\/p>\n<p>Anders gesagt: Man hat, bevor man sich kleidet, schon ziemlich viele Entscheidungen getroffen, von denen keine eine \u00adStilentscheidung ist. Meist bleibt das unbemerkt. Die Folgen sind sichtbar. Die Folgen, das ist im Fall der Mode das Kleid.<\/p>\n<p>Die Mode ist nur an der Oberfl\u00e4che harmlos. Spricht man \u00fcber sie, wird es schnell grunds\u00e4tzlich. Mode ist der Firnis, unter dem die eigenen Pr\u00e4missen verborgen sind. Wie man sich zur Norm zu verhalten hat und wie viel Abweichung erlaubt ist. Wie man sich \u201edie anderen\u201c vorstellt und das Verh\u00e4ltnis zu ihnen und welche Autorit\u00e4t sie haben \u00fcber die Kontur des eigenen Selbst.<\/p>\n<p>Die Mode ist nicht blo\u00df eine An\u00adh\u00fcbschung. Ihre Amplitude ist ziemlich gro\u00df. Man kann in der Mode f\u00fcr sich selbst real werden, und man kann sich zumutbar machen f\u00fcr die anderen. Sie kann der Ort beflissener Konformit\u00e4t sein oder der Ort radikaler Selbstaneignung. Ob sie das eine ist oder das andere, h\u00e4ngt davon ab, wie man in der Mode ist; und wie man in der Mode ist, h\u00e4ngt von der Idee ab, die man von ihr hat.<\/p>\n<p>Das hier, damit sollte ich anfangen, ist ein Text f\u00fcr solche, die sich nicht f\u00fcr Mode interessieren, von einer, die sich auch nicht f\u00fcr Mode interessiert \u2013 zumindest nicht f\u00fcr das, was wir noch immer f\u00fcr \u201edie Mode\u201c halten. Was mich interessiert, stattdessen: Kleider und wie sie an konkrete K\u00f6rper kommen. Das, was Kleider mit diesem K\u00f6rper machen, in ihrer Wirkung nach innen. Prinzipien der Komposition und vestiment\u00e4res Spiel. Experiment, Improvisation, Erfindung. Die Motivation hinter jedem Angezogensein, die f\u00fcr andere nie vollst\u00e4ndig lesbar ist.<\/p>\n<p>Mich interessiert die Neue Mode, die keine Vorgabe mehr ist, sondern eine Gleichzeitigkeit von diversen Stilen, Formen, Silhouetten und Trageweisen. Diese andere Mode ist schon da, sie muss nicht kompliziert erfunden werden. Nur einen neuen Namen braucht sie, der Verst\u00e4ndlichkeit wegen. Ich nenne sie: Postfashion.<\/p>\n<p>Es ist bisher ein bisschen chic gewesen, sich nicht f\u00fcr die Mode zu interessieren \u2013 was mit einer Verwechslung zu tun hat. Wir halten die Modeindustrie f\u00fcr \u201adie Mode\u2018. Und weil die Industrie immer schneller wird in ihren Zyklen und wahlloser in ihrer Produktion, liegt es nahe zu sagen: \u201aIch interessiere mich nicht f\u00fcr Mode, ich lehne sie sogar ab \u2013 das Shopping, die Bitchyness, die Oberfl\u00e4chenobsession.\u2018 Dabei ist nichts davon notwendig mit der Mode verbunden \u2013 sondern nur mit dem bisherigen Modebegriff.<\/p>\n<p>Mode hei\u00dft nicht notwendig Konsum. Mode hei\u00dft erst einmal: sehen lernen. Sehen, was Kleider machen, und dann etwas mit ihnen tun. Genau das wird in der Postfashion zentral. Ihre Strategie ist das Spiel.<\/p>\n<p>Spiel ist das, was Designer beim Entwerfen machen. Wenn sie Mode anschauen, sehen sie ein Miteinander von einem konkreten Kleid und einem konkreten K\u00f6rper. Mode machen ist eine Frage von Proportionen und Linien und Volumen und Materialit\u00e4t, von dem, was ein Design mit dem K\u00f6rper macht und welche Sprache das ergibt. Jedes Modemachen ist vestiment\u00e4res Spiel \u2013 und ob man etwas entwirft, oder ein Outfit komponiert, was im Fashionjargon \u201eStyling\u201c hei\u00dft, ist dabei egal.<\/p>\n<p>Die erste Frage ist immer die: \u201eIst da etwas, etwas Interessantes? Und wenn ja, was ist das Interessante daran?\u201c Die Frage ist schlicht, weswegen die Beobachtung ungeheuer genau sein muss. Darum geht es jetzt. Wir m\u00fcssen sehen lernen, wirklich hinschauen, das ist zentral.<\/p>\n<p>Das Spiel in der Mode hat drei Folgen, und die charakterisieren die Postfashion. Erstens: Je mehr man sich f\u00fcr die Sprache der Mode interessiert, desto weniger geht es um Shopping. Zweitens: Je mehr man sich auf das konzentriert, was Kleider am K\u00f6rper machen, auf das Umfasstwerden durch Stoff, auf Schwere und Leichtigkeit, da\u00adrauf, welchen Effekt das Outfit auf die Haltung und die Bewegung und das Sp\u00fcrbewusstsein hat, desto mehr ist man verk\u00f6rpert in diesem Outfit.<\/p>\n<p>Auch das n\u00e4mlich geh\u00f6rt nicht notwendig zur Mode: das Objektverh\u00e4ltnis zum eigenen K\u00f6rper. Niemand muss in der Mode aus der Perspektive der anderen auf sich schauen und in ein Outfit steigen wie in eine Verkleidung. Im Gegenteil, eigentlich ist Bekleidetsein eine Einladung zum Embodyment, weil einem die ganze Zeit irgendetwas um den K\u00f6rper streicht. Man muss sich anstrengen, um nicht verk\u00f6rpert zu sein, etwas ausblenden (genau das passiert ja auch).<\/p>\n<p>Die dritte Folge des Spiels ist, dass das Scannen nach Bedeutung verschwindet. Die identit\u00e4re Lesart der Mode geht davon aus, dass Mode vor allem von einem selbst erz\u00e4hlt. Die gr\u00f6\u00dfte Modeangst in ihr ist, dass die anderen etwas von einem sehen, von dem man selbst nichts wei\u00df.<\/p>\n<p>Dabei: Kleider erz\u00e4hlen zwar etwas, nur ist die Sprache der Mode nicht Charakter oder Distinktion oder Pers\u00f6nlichkeit. Klar gibt es Codes. Aber Codes sind das Erste, was changiert, wenn die Mode kein stabiles System von Zeichen mehr ist. Das Identit\u00e4tsding muss aus der Mode verschwinden.<\/p>\n<p>Genau das passiert jetzt \u2013 und zwar ausgerechnet dort, wo die einzige Identit\u00e4tslinie verschoben wird, die es in der Mode (und nahezu auch au\u00dferhalb von ihr) noch gibt: Gender. Es geschieht im Verschieben der Codes, in dem Hineinwandern von Elementen der Frauenmode in die M\u00e4nnermode, in diesem neuen Dazwischensein. Das Spiel, nat\u00fcrlich, hat einen Effekt \u2013 weil sich in diesem Verschieben auch die Zuschreibung verschiebt.<\/p>\n<p>Was daraus folgt? Meine These ist die: Es gibt keine toxische Maskulinit\u00e4t im R\u00fcschenhemd. (Ich meine damit eine enge Idee von M\u00e4nnlichkeit, die M\u00e4nner zw\u00e4ngt.) Wer so etwas tr\u00e4gt, hat sich davon verabschiedet \u2013 und wenn nicht, dann tut es das Hemd f\u00fcr ihn. Einfach deshalb, weil in dieser Logik das man down schon stattgefunden hat, allein durch die Codierung der R\u00fcschen. Was dann an St\u00e4rke bleibt, ist wirklich die eigene.<\/p>\n<p>Die Mode hat immer ein Surplus, jeder Selbstausdruck in ihr ist immer auch Selbsterfindung. Dieses unkalkulierbare Moment ist Teil des Spiels. Postfashion ist ein Ein\u00fcben in Uneindeutigkeit. Es ist ein guter Moment daf\u00fcr. Was darin angelegt ist, ist ein anderes Miteinander. Eines, das Gemeinsamkeit als Grundlage hat und nicht verspannte Distinktion.<\/p>\n<p>Ob es gelingt, entscheidet sich daran: welche Art von Publikum wir k\u00fcnftig f\u00fcreinander sind, und wie wir \u201edie anderen\u201c denken. Es braucht ja ohnehin eine freudvollere, wohlwollendere Art der Zeugenschaft \u2013 und ausgerechnet die Mode k\u00f6nnte ein Trainingsfeld daf\u00fcr sein. Wirklich, wir m\u00fcssen ein begeisterteres Publikum f\u00fcreinander sein. Die anderen nicht als Darsteller lesen. Das Gemeinsame wichtiger nehmen als das Unterscheidende. Denn das ist es ja.<\/p>\n<p>Es gibt etwas Radikales am Spiel, an dieser Feier des Moments. Adrienne Maree Brown nennt das: Plea\u00adsure Activism. Noch sind wir ge\u00fcbter im Misstrauen gegen zu viel Vergn\u00fcgen. Aber es ist, mit diesem anderen \u00dcberbau, eine ziemlich gute Spur.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>taz, Kultur, 3.3.2020 Mode hei\u00dft nicht notwendig Konsum. Mode hei\u00dft: sehen lernen, was Kleider machen. Wir stellen uns die Mode als Ort der Gehorsamkeit vor. Als Vorgabe, die von anderen kommt. So als k\u00f6nne man sie mitmachen oder sich ihr verweigern. Dabei ist es so: Wir sind immer schon drin. 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