{"id":382,"date":"2016-01-20T09:59:34","date_gmt":"2016-01-20T08:59:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.katrinkruse.com\/?p=382"},"modified":"2016-02-22T17:03:23","modified_gmt":"2016-02-22T16:03:23","slug":"politik-in-linien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.katrinkruse.com\/de\/essays\/politik-in-linien\/","title":{"rendered":"Politik in Linien"},"content":{"rendered":"<p class=\"subheader\">Frieze, d\/e NO. 20, Juni\/August 2015<\/p>\n<p class=\"introduction\">Die erste Sammlung der Texte der legend\u00e4ren Modekritikerin Helen Hessel.<\/p>\n<p>Eine Rezension von Helen Hessels Mode\u00ad und Lebensfeuilletons sollte mit Zitaten anfangen, zwei S\u00e4tze hier, eine Passage da. Das ginge, weil das, was sie in ihren Texten grandios macht, auch in der Fragmentierung nicht verlorengehen w\u00fcrde: ihr Blick auf die Dinge, in blitzgenauen S\u00e4tzen hinskizziert. Wie sie mit einer Neugier und einer Lust einfach schaut, die Realit\u00e4t in sich hineinzieht und sie dann wiedergibt, in ein kluges Prisma gebrochen. Etwa so: \u201eEin Hut schrumpft ein, viele, alle H\u00fcte schrumpfen ein und mit ihrem Kleinerwerden tun sich die gro\u00dfen Probleme der Mode auf.\u201c<\/p>\n<p>Mit <em>Ich schreibe aus Paris. \u00dcber die Mode, das Leben und die Liebe<\/em> (Nimbus, 2014) liegen Hessels Artikel, die gr\u00f6\u00dftenteils in ihrer Zeit als Modekorrespondentin der Frankfurter Zeitung Mitte der 1920er bis Mitte der 30er Jahre entstanden, erstmals als (noch nicht vollst\u00e4ndige) Sammlung vor. Das hei\u00dft unter anderem: Der Absatz, den Walter Benjamin im Passagenwerk (1927\u201340) zitiert, l\u00e4sst sich jetzt im Zusammenhang lesen: \u201eDas in die Stirn ger\u00fcckte H\u00fctchen, das wir der Manet\u00adAusstellung zu verdanken haben, beweist nichts anderes als da\u00df wir eine neue Bereitschaft haben, uns mit dem Ende des vorigen Jahrhunderts auseinanderzusetzen.\u201c An anderer Stelle, in \u00dcber den Begriff der Geschichte (1940), wird dieselbe Konstellation bei Benjamin zum \u201eTigersprung ins Vergangene\u201c. Dar\u00fcber hinaus bekommt Helen Hessel mit dieser Textsammlung eine zweite \u2013 eigentlich ihre erste \u2013 Identit\u00e4t als Autorin. Den meisten mag sie einzig \u00fcber ihre Verk\u00f6rperung durch Jeanne Moreau bekannt sein, in Truffauts Film Jules et Jim (1962) nach einem quasi\u00adautobiografischen Roman von Henri\u00adPierre Roch\u00e9. Der war Helens Liebhaber, sie selbst zweimal verheiratet mit dem Schriftsteller Franz Hessel, und die Dreiecksgeschichte, wie auch den Revolver darin, hat es tats\u00e4chlich gegeben \u2013 blo\u00df hat Helen Hessel beide M\u00e4nner \u00fcberlebt, im echten Leben. (In dem sie \u00fcbrigens auch Mutter von St\u00e9phane Hessel war.)<\/p>\n<p>Warum Helen Hessel, geboren 1886 in Berlin, gestorben 1982 in Paris, als Modeautorin wichtig war, ist nach der Lekt\u00fcre absolut klar. Es ist eine Exaktheit in den Kleiderbeschreibungen, von der man stibitzen sollte \u2013 vor allem deswegen, weil es \u201edie Mode\u201c heute so nicht mehr gibt. In den 1920ern, als Hessel zu schreiben begann, kam mit der \u201eNeuen Frau\u201c zum ersten Mal ein Typus massenhaft in die Mode. In ihren Texten (die sie mit dem vorehelichen Helen Grund zeichnete) l\u00e4sst sich die erbitterte Debatte dieser Zeit um die Verm\u00e4nnlichung der Frau ablesen. Gesellschaftspolitik \u00fcber Linien verhandelt, und zwar solche im Kleid.<\/p>\n<p>So etwa: \u201eSeit man die \u201aSilhouette\u2018 stabilisiert hat, das hei\u00dft, seit die nat\u00fcrliche Gestalt der Frau nicht mehr verkleidet, sondern bekleidet wird, fehlt der Mode ein weiterer Vorwand zu geheimnisvoll komplizierendem Raffinement.\u201c<\/p>\n<p>Daraus folgert Helen Grund: \u201eDie Frau ist der Diktatur des Modehauses f\u00fcr den Augenblick entwischt, oder, pessimistischer gesagt, die Mode \u00fcberl\u00e4\u00dft der Frau f\u00fcr eine Weile die Initiative. Sicher ist, da\u00df, seit Jahren nicht, bei so wenigen unumst\u00f6\u00dflichen Vorschriften, soviel Appell an den eigenen Geschmack der Frau ergangen ist.\u201c<\/p>\n<p>Es gibt gloriose Beschreibungen in diesem Buch, solche, die Lust machen nicht nur auf die Mode, sondern auf die Welt: \u201eSchon kann man \u00fcberall in Paris nicht nur im sensationsl\u00fcsternen Montparnasse Gestalten junger Frauen sehen, die dadurch auffallen, da\u00df sie so unerh\u00f6rt \u201anat\u00fcrlich\u2018 aussehen\u201c, schreibt Grund \u00fcber eine ihrer Lieblingsdesignerinnen, Renate Green, die zwischen 1928 und 1934 das Studio \u201eR\u00e9 Sport\u201c betrieb: \u201eKein Zuviel verleugnet die Form des K\u00f6rpers; der Effekt einer farbigen M\u00fctze, eines G\u00fcrtels, hoher Lackstulpen, die den schlanken Arm ritterlich sch\u00fctzen, einer flockigen Schleife aus Angorawolle, die den Hals z\u00e4rtlich h\u00fcllt, ist so sicher angewandt, da\u00df er durchaus zugeh\u00f6rig und notwendig erscheint.\u201c<\/p>\n<p>Anderes liest sich unertr\u00e4glich. Unverst\u00e4ndlich, warum Hessels Vortrag Vom Wesen der Mode (1935) bis heute als emanzipatorischer H\u00f6henflug behandelt wird. Das Wesen der Mode? \u201eDer Frau hilft sie zur Erf\u00fcllung ihrer doppelten Aufgabe: Mutter zu werden und Geliebte zu bleiben.\u201c Das Ganze in der Grundkonstellation der, an anderer Stelle, \u201enaturgegebene(n) Polygamie des Mannes\u201c, versch\u00e4rft durch den Frauen\u00fcberschuss. Aus feministischer Sicht liest sich das karg, mag der Feminismusbegriff noch so zahm sein.<\/p>\n<p>Wie Hessel die Folgerichtigkeit der Modeentwicklung beschreibt, ist wieder interessant; \u00e4hnlich erkl\u00e4rt man heute Trends \u2013 wenn Dinge zu viel gesehen sind, schl\u00e4gt das Pendel um. Sie schildert die Industrie hinter der Eleganz, oder wie der Zeitgeist fabriziert wird. Die Sammlung ihrer Texte stellt noch eine andere, gro\u00dfe Frage: Was schreibt man, wenn man alle Protagonisten der Mode einmal in ihren Typisierungen erfasst hat? Wenn das Gewedel um die Schauen nicht mehr neu ist, die Logik der Mode bekannt? Wenn die gro\u00dfen Bewegungen dahinter skizziert sind und keine gro\u00dfe neue Zeitgeistdeutung zwingend ist?<\/p>\n<p>Dann liest man aus den Kleidern nicht mehr etwas heraus, sondern schiebt es ihnen unter. Jedenfalls \u00e4ndert sich in den Artikeln seit Anfang der 30er Jahre der Ton. Weniger Neugier, mehr perlende Floskel. Munteres Ablenkungsparlando, wirklich: Nichtigkeit. Hessels Modem\u00fcdigkeit, die mit dem Ende der Aff\u00e4re Roch\u00e9 parallel l\u00e4uft, ist in Briefen bezeugt. Franz Hessel fasst es in seinem 1987 posthum ver\u00ad \u00f6ffentlichten Romanfragment Alter Mann so: \u201eIch will nun meine Modeartikel auch so schreiben, wie die andern es tun. Ich bin von dem Thema zu Tode ersch\u00f6pft und kratze letzte Phrasen aus letzten Reserven. Es m\u00fcsste eigentlich leicht und lustig gehen. Aber mir ist, als habe ich in meinem Wort\u00ad und Bildschatz kein \u00d6l mehr, alles verausgabt.\u201c Zudem verschieben sich 1933 die Priorit\u00e4ten.<\/p>\n<p>Was man von Helen Hessel lernen kann, heute: genau hinzu\u00ad schauen. Nicht nur auf Mode, sondern auch auf die, die sie tragen. Wie die sich halten, wie Mode auf ihre Bewegungen und Haltung zur\u00fcckwirkt. Wie man andere lesen kann, ihre gar nicht so verborgenen Ambitionen. Amerikanerinnen in Paris: \u201eManche kommen auch her\u00fcber, um ihren kleinen Heimatruhm europ\u00e4isch abstempeln zu lassen. (&#8230;) Sehr smart, sehr efficient in ihrem Reisedre\u00df lacht sie zu den letzten Komplimenten der Europ\u00e4er und nimmt die Rosen und Orchideen der amerikanischen Freunde in Empfang. Sicher, sagt sie, n\u00e4chstes Jahr komme ich wieder \u2013 und: \u201aParis was too delightful, I had the time of my life\u2018 \u2013 und: \u201aI\u2019m sure I learnt a lot\u2018.\u201c<\/p>\n<p>Boshaft ist Helen Hessel in diesen Texten nicht, was auch des\u00ad wegen auff\u00e4llt, weil das in Texten \u00fcber sie bisweilen anders ist. Da gibt es eine gewisse Spitzfingrigkeit im Ton, ganz so, als sei ihren Biografen (u. a. Marie \u00adFran\u00e7oise Peteuil, <em>Helen Hessel. Die Frau, die Jules und Jim liebte<\/em>, deutsche Ausgabe 2013) auf der Strecke durch Hessels Leben die Zuneigung f\u00fcr ihre Protagonistin abhanden gekommen. Als seien sie in Sachen liebesentflammter Hessel zweigeteilt, irgendwann \u2013 die eine H\u00e4lfte ist stolz auf sie, die andere bel\u00e4chelt sie. Dann ist von der \u201ealternden\u201c Helen Hessel die Rede.<\/p>\n<p>Ich lasse sie schlie\u00dfen: \u201e(&#8230;) hastig und \u00fcberzeugt rangieren wir Freund und Feind in Kategorien, aus denen wir sie nicht leicht mehr entlassen (&#8230;). Stimmen im Lauf der Zeit die Adjektive nicht mehr, so wird bequem die Behauptung ins Imperfektum gesetzt, oder man ger\u00e4t in die zweifelhafte Rubrik: Unberechenbar.\u201c Wir sollten sie wieder lesen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frieze, d\/e NO. 20, Juni\/August 2015 Die erste Sammlung der Texte der legend\u00e4ren Modekritikerin Helen Hessel. Eine Rezension von Helen Hessels Mode\u00ad und Lebensfeuilletons sollte mit Zitaten anfangen, zwei S\u00e4tze hier, eine Passage da. 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