{"id":28,"date":"2011-12-06T15:58:43","date_gmt":"2011-12-06T15:58:43","guid":{"rendered":"http:\/\/katrinkruse.com\/?p=28"},"modified":"2014-11-06T00:51:11","modified_gmt":"2014-11-06T00:51:11","slug":"ich-habe-keinen-guten-geschmack","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.katrinkruse.com\/de\/interviews\/ich-habe-keinen-guten-geschmack\/","title":{"rendered":"&#8220;Ich habe keinen guten Geschmack\u201c"},"content":{"rendered":"<p class=\"subheader\">taz, Kultur, 28.5.2011<\/p>\n<p class=\"introduction\">Daniel Millers Gesp\u00fcr f\u00fcr die Dinge ist eines f\u00fcr die menschlichen Beziehungen<\/p>\n<p><em>London. Ein kleiner, erstaunlich k\u00fchler Raum im Anthropology Department des University College. Der Ausblick ist unspektakul\u00e4r, besser so: Man ist bei einer Begegnung mit Daniel Miller, der einen neue Perspektiven auf die Konsumgesellschaft lehrt, ohnehin eher auf die Dinge konzentriert. Eine Front B\u00fccherregal, ein Schreibtisch im Arbeitsdurcheinander. An der Innenseite der T\u00fcr heftet ein Jeansrock, dessen unterer Teil in goldfarbene Volants \u00fcbergeht. Auf dem winzigen Besuchertisch liegt ein rot-wei\u00df-schwarzer L\u00e4ufer in dem, was f\u00fcr gew\u00f6hnlich Ethnomuster hei\u00dft. Was ist das f\u00fcr einer, der Miller? Wei\u00df man nat\u00fcrlich nicht &#8211; will man aber auch gar nicht mutma\u00dfen. Daniel Miller, Professor f\u00fcr Material Culture, arbeitet als ethnologischer Feldforscher. F\u00fcr sein bei Suhrkamp erschienenes Buch &#8220;Der Trost der Dinge&#8221; hat er eine Feldforschung in der eigenen Gesellschaft betrieben und die Bewohner einer Londoner Stra\u00dfe besucht &#8211; 17 Monate lang. Miller erz\u00e4hlt ihre Geschichten anhand ihrer Beziehung zu den Dingen &#8211; zu M\u00f6beln, Spielzeugen, K\u00fcchenutensilien. Das Buch versammelt 15 ungeheuer dicht gesponnene Portr\u00e4ts. Zugleich ist seine Grundannahme, dass sich menschliche Beziehungen gut anhand ihrer Beziehungen zu Dingen beschreiben lassen, eine Provokation f\u00fcr jede Gesellschaftskritik, die im Konsum per se Entfremdung wahrnimmt.<\/em><\/p>\n<p><strong>taz: Mister Miller, erf\u00e4hrt man mehr \u00fcber die Menschen, wenn man sie mit Ihrer Methode anschaut? Daniel Miller: <\/strong>Ich habe ein Problem mit dieser abstrakten Sache namens Methode. Als Anthropologe will ich Menschen in einer spezifischen Gesellschaft verstehen, und meist unterscheidet sich die grundlegend von meiner eigenen. Meine Arbeit setzt also schlicht zwei F\u00e4higkeiten voraus: Empfindsamkeit und Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen. Ich lerne die Leute in einer Feldforschung ja nicht mit Hilfe einer formellen Struktur kennen, durch Interviews oder Frageb\u00f6gen. Ich gehe eher wie einer vor, der Freundschaften schlie\u00dft. Die Methode, wenn Sie so wollen, ist Sensitivit\u00e4t: Es gilt, den angemessenen Weg zu finden, jemanden kennen zu lernen.<\/p>\n<p><strong>Aber Ihre Form der Ann\u00e4herung unterscheidet sich sehr von dem, was wir normalerweise tun, wenn wir auf Unbekannte treffen. Erstens: Sie lassen keine schnellen Schl\u00fcsse \u00fcber Ihr Gegen\u00fcber zu. Zweitens: Sie nehmen sich ungeheuer viel Zeit. Es scheint, als sei Ihre erste Regel: Vermute nichts! <\/strong>Wahrscheinlich ist es unm\u00f6glich, gar nichts zu unterstellen &#8211; aber ich bem\u00fche mich, dass mir die eigene Voreingenommenheit nicht die Sicht verstellt. Tats\u00e4chlich mag ich Studien, bei denen das Resultat grundlegend von dem abweicht, was ich erwartet habe. Idealerweise l\u00e4sst man sich vom Material, von den Aussagen und allen Hinweisen so tief durchdringen, dass sie tats\u00e4chlich ver\u00e4ndern, wie man denkt. Man h\u00f6rt zu, und dabei lernt man: Das ist Feldforschung.<\/p>\n<p><strong>Hei\u00dft: keine Hypothesen? <\/strong>Ich habe eine einzige Hypothese: Ich kenne das, was ich untersuchen will, \u00fcberhaupt nicht. Und das stimmt ja auch. Diese Hypothese wird zum Problem, wenn Sie sich f\u00fcr Forschungsgelder bewerben. Dort hat man gern vorweggenommene Resultate. Aber mir gef\u00e4llt eben schon die Idee nicht, dass es so etwas wie &#8220;Millers Methode&#8221; geben k\u00f6nnte, die man beliebig anwenden kann. Ich gehe bei jeder Studie anders vor. Und nicht nur das: Ich ver\u00e4ndere mein Vorgehen im Laufe jeder Arbeit. Wer in der Mitte seiner Feldforschung noch dasselbe Vorgehen hat wie anfangs, zeigt nur, dass er \u00fcber diese Gesellschaft nichts gelernt hat.<\/p>\n<p><strong>Spiegelt das vorweggenommene Ergebnis nicht schlicht unsere Alltagswahrnehmung? <\/strong>Das stimmt. Aber immer so offen zu sein, wie ich es w\u00e4hrend meiner Arbeit bin, w\u00e4re ungeheuer schwierig. Ich selbst habe im Alltag wahrscheinlich ebenso viele Vorurteile wie jeder andere auch. Wenn ich arbeite, versuche ich, keine zu haben. Die Konzentration auf die Dinge hilft dabei. Au\u00dferdem habe ich noch einen Vorteil: Ich habe einfach keinen guten Geschmack.<\/p>\n<p><strong>Das hilft? <\/strong>Bei meiner Arbeit schon. Ich f\u00e4lle nie Geschmacksurteile in den H\u00e4usern anderer &#8211; ich k\u00f6nnte es gar nicht. Ich schaue die Dinge einfach an und versuche, sie zu verstehen.<\/p>\n<p><strong>Wir halten unsere Dingkultur gern f\u00fcr oberfl\u00e4chlich und entfremdet. Sie schreiben: Das ist sie keineswegs. Warum nicht? <\/strong>Es ist selbstverst\u00e4ndlich immer m\u00f6glich, dass jemand so auf seinen Besitz konzentriert ist, dass er seine Beziehungen zu anderen Menschen vernachl\u00e4ssigt. Das nehmen wir ja meist an, wenn wir uns \u00fcber die Konsumkultur beschweren &#8211; und in der Denktradition in Deutschland von Simmel bis zur Frankfurter Schule gilt genau das als gro\u00dfes Problem. Nach sechs Forschungsarbeiten an Orten wie London bin ich zu einer rasanten Generalisierung bereit: Es scheint mir, dass Menschen entweder gut darin sind, Beziehungen zu haben &#8211; oder nicht. Die Leute, die gelungene Beziehungen zu anderen Menschen hatten, konnten auch gelungene Beziehungen zu den Dingen herstellen. Das Problem der Sozialwissenschaftler ist, das sie verallgemeinert sprechen: Alle sind entfremdet. Ich glaube das nicht. Ich sehe die Leute nicht in einem Nebel entfremdeter Fragmentarisierung herumlaufen<\/p>\n<p><strong>Eine Ihrer Thesen, warum sie das nicht tun, ist folgende: Die Ordnung der Dinge, die diese Leute selbst errichten, stabilisiert sie auch. <\/strong>Ja, weil sie gute Beziehungen aufgebaut haben. Wenn ich Beziehung sage, meine ich die zu Menschen ebenso wie die zu Objekten. Die Dinge vermitteln das Gef\u00fchl eines Fundaments. Und sie geben einem vor, wie man sich zu verhalten hat &#8211; f\u00fcr gew\u00f6hnlich f\u00e4llt uns das nur nicht auf. Wir denken gemeinhin, die Pr\u00e4senz der Dinge sein offensichtlich, weil sie ja materiell sind. Tats\u00e4chlich aber sind sie oft unsichtbar, gewisserma\u00dfen dem\u00fctig. Meist sind die Dinge einfach da, um die Atmosph\u00e4re zu schaffen. Wenn man in ein gem\u00fctliches Zuhause kommt, sagt man: Es ist behaglich. Niemand w\u00fcrde hier die gebl\u00fcmte Tapete beschreiben. Die Dinge sind ein Rahmen: Sie sollen das, was um sie herum ist, auch die Menschen inmitten von ihnen, betonen &#8211; und nicht die Aufmerksamkeit auf sich selbst ziehen.<\/p>\n<p><strong>Entgeht man den g\u00e4ngigen Genres des \u00dcber-sich-selber-Redens, wenn man sich jemandem \u00fcber seine Dinge n\u00e4hert? <\/strong>Es gibt einen gro\u00dfen Unterschied zwischen der Sprache und den Objekten. Beim Sprechen geht es immer um Legitimation. Man ist sich sehr bewusst, was man sagen sollte: wie man zu sein hat, wie man wirkt. \u00dcber Alltagsgegenst\u00e4nde wird aber nicht gesprochen, sie sind einfach eine Ansammlung, Teil einer Praxis. Deswegen mag ich Objekte.<\/p>\n<p><strong>Reden allerdings m\u00fcssen Sie trotzdem \u00fcber sie. Wie gehen Sie vor? <\/strong>Es stimmt, Leute tendieren zu vorgefertigten Erz\u00e4hlmustern. Sie erz\u00e4hlen Geschichten \u00fcber sich, immer wieder dieselben Anekdoten. Aber ich stelle ja nicht die Fragen eines Journalisten. Ich frage nach dem Lampenschirm, dem Teppich, dem Beistelltisch. Wann haben Sie diesen Fernseher gekauft, wer war dabei, warum steht er genau hier? Weil das sonst niemand fragt, haben die Leute kein Script daf\u00fcr. Und vor allem: Es gibt keine richtige Antwort auf die Frage nach dem Teppich. Genau deshalb lassen sich die Leute auf mich ein. Alltagsobjekte haben eine angenehme Neutralit\u00e4t. Sie alarmieren niemanden, sie zwingen niemanden in die Verteidigung. Die Leute reden gern \u00fcber diese Dinge &#8211; weil nicht viel auf dem Spiel steht.<\/p>\n<p><strong>Das klingt so, als seien die Dinge ganz unschuldig &#8211; und vor allem ganz unbeschrieben. Dabei benutzen wir viele Objekte ganz anders, unter dem Identit\u00e4tsaspekt. Wir wissen, wie andere sie lesen, und setzen sie deshalb als gro\u00dfes &#8220;So einer bin ich&#8221; ein. <\/strong>Kleidung ist hier wahrscheinlich das Offensichtlichste. Aber ich w\u00fcrde unterscheiden zwischen Leuten, die sich sehr bewusst sind, wie sie aussehen, und solchen, die den \u00f6ffentlichen Raum als entspannte Sph\u00e4re begreifen, in der sie sich um ihre Erscheinung nicht k\u00fcmmern. F\u00fcr ein Date oder eine Party &#8211; das ist etwas anderes. Aber viele wollen sich keine Gedanken dar\u00fcber machen, wenn sie im Bus sitzen. Schauen Sie sich in der Londoner U-Bahn um: Die meisten tragen absolut uninteressante, eint\u00f6nige Sachen, die keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Damit dr\u00fccken sie aus, dass dies f\u00fcr sie eben kein Raum der Darstellung ist. Sie sind einfach da.<\/p>\n<p><strong>Wir unterstellen gern Bewusstheit, den Wunsch nach Selbstausdruck, nach Repr\u00e4sentation des Eigenen. Ihnen geht es dagegen um unser Verh\u00e4ltnis zu den Dingen &#8211; aber jenseits der Identit\u00e4tsversessenheit? <\/strong>Bei Kleidung und den Dingen geht es um weit mehr als um Selbstausdruck. Das ist ein zentraler Punkt in meinem Buch. Die Leute verbringen nicht den Gro\u00dfteil ihrer Zeit ganz bewusst als Individuen, die ihre Individualit\u00e4t ausdr\u00fccken wollen. Im Gegenteil. In meinem Buch erscheint es als Versagen, nur ein Individuum zu sein: weil es bedeutet, dass man keine Beziehungen f\u00fchrt. Die Portr\u00e4tierten wollen Verbundensein, innige Beziehungen zu anderen &#8211; und sie sind h\u00f6chst einverstanden damit, ihre Individualit\u00e4t f\u00fcr etwas zu opfern, das gr\u00f6\u00dfer ist als sie selbst: Liebe zum Beispiel. Tats\u00e4chlich machen Beziehungen, die das Leben bedeutsam machen, f\u00fcr die Befragten den gr\u00f6\u00dften Unterschied zwischen Gl\u00fcck und Ungl\u00fcck aus. Die meisten Leute haben nicht das Gef\u00fchl, dass sie diese Bedeutsamkeit selber herstellen k\u00f6nnen. Es muss durch andere Menschen geschehen. Aber eben nicht einfach durch einen, der im Vor\u00fcbergehen sagt: Das sieht aber gut aus!<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.taz.de\/1\/archiv\/digitaz\/artikel\/?ressort=ku&amp;dig=2011%2F05%2F28%2Fa0062&amp;cHash=7fc24e3f64\">http:\/\/www.taz.de\/1\/archiv\/digitaz\/artikel\/?ressort=ku&amp;dig=2011%2F05%2F28%2Fa0062&amp;cHash=7fc24e3f64<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>taz, Kultur, 28.5.2011 Daniel Millers Gesp\u00fcr f\u00fcr die Dinge ist eines f\u00fcr die menschlichen Beziehungen London. Ein kleiner, erstaunlich k\u00fchler Raum im Anthropology Department des University College. Der Ausblick ist unspektakul\u00e4r, besser so: Man ist bei einer Begegnung mit Daniel Miller, der einen neue Perspektiven auf die Konsumgesellschaft lehrt, ohnehin eher auf die Dinge konzentriert. 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