{"id":26,"date":"2011-12-08T15:58:07","date_gmt":"2011-12-08T15:58:07","guid":{"rendered":"http:\/\/katrinkruse.com\/?p=26"},"modified":"2011-12-09T08:47:01","modified_gmt":"2011-12-09T08:47:01","slug":"uber-eleganz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.katrinkruse.com\/de\/interviews\/uber-eleganz\/","title":{"rendered":"\u00dcBER ELEGANZ"},"content":{"rendered":"<p class=\"subheader\">Interview mit Robert Pfaller.\u00a0DAS MAGAZIN, 16.9. 2011<\/p>\n<p class=\"introduction\">Der Wiener Kulturwissenschaftler Robert Pfaller skizziert in seinem neuen Buch \u00abWof\u00fcr es sich zu leben lohnt\u00bb Elemente einer hedonistischeren Lebensphilosophie. Dabei spielt die Eleganz als Gl\u00fcckstechnik eine wichtige Rolle.<\/p>\n<p><strong>Herr Pfaller, was ist denn eigentlich Eleganz?<\/strong><\/p>\n<p>Eleganz entsteht, wenn wir uns in einer Art Doppelbelichtung erleben: wenn das, was wir tun, von einem Idealbild gedeckt ist. Das heisst nicht, dass es diese Tat oder Geste jemals gegeben haben muss. Aber in dem Moment, wo man die Geste sieht oder macht, hat man das Gef\u00fchl: So muss die sein. Damit so eine Doppelbelichtung zustande kommt, ist es notwendig, dass wir uns beobachtet f\u00fchlen \u2014 und zwar von einer Instanz, die mit keinem der Anwesenden zusammenf\u00e4llt: einem naiven Beobachter, der nur auf den Augenschein achtet, einem unsichtbaren Dritten.<\/p>\n<p><strong>Wie wirkt man denn selbst eleganter? Muss man sich dazu einfach in jeder Situation zusammennehmen?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, allerdings nicht in einem repressiven Sinne. Das Bezeichnende an der Eleganz \u2014 und deswegen ist sie eine Gl\u00fcckstechnik \u2014 besteht eben darin, dass sie die Wirkungskraft von Individuen erweitert. Es ist ein bisschen unbequem, man muss etwas lernen \u2014 aber wenn man sich darin \u00fcbt, dann steigern sich die eigenen M\u00f6glichkeiten gewaltig.<\/p>\n<p><strong>Wie meinen Sie das? Ein Beispiel.<\/strong><\/p>\n<p>Wer Eleganz \u00fcbt, steigert vor allem seine geselligen F\u00e4higkeiten. Das wiederum erm\u00f6glicht, mit Menschen auf einer Ebene umzugehen, auf der man eigent\u00fcmlich unverletzbar ist. Die Eleganz erlaubt ja, dass wir uns ein St\u00fcck weit von uns selbst wegbewegen. Wir treten nicht mit unserer privaten Identit\u00e4t auf, sondern mit einer Rolle, die wir wie Schauspieler spielen \u2014 und die wir gut spielen m\u00fcssen. Das hat den interessanten Effekt, dass wir nicht empfindlich sind f\u00fcr unsere pers\u00f6nlichen Wehwehchen: Alles, was in dieser Rolle gesagt wird, trifft uns nicht als Person. Deswegen kommt es in einer Gesellschaft, in der es wenig Eleganz und wenig Gelegenheit zu ihr gibt, zu diesen extremen Empfindlichkeiten. Im Moment sind ja alle verletzt, bel\u00e4stigt, angeekelt \u2014 weil sie st\u00e4ndig mit ihrer nackten Person auftreten.<\/p>\n<p><strong>Sie nennen diese Abscheu in Ihrem Buch die \u00abAngst vor dem anderen\u00bb: vor all dem, was nicht ichkonform ist.<\/strong><\/p>\n<p>Bezeichnend ist, dass wir das Individuelle in unserer privaten Person suchen. Das ist eine Umdeutung, die in den letzten zwanzig, dreissig Jahren in westlichen Gesellschaften stattgefunden hat. In H\u00f6flichkeitscodes kann man auch sehr individuell auftreten. Das Individuelle ist gerade die Weise, in der man die Rolle spielt \u2014 nicht das wirkliche Ich. Nach 1968 haben wir gelernt zu denken, wir w\u00fcrden uns immer dann befreien, wenn wir ganz wir selbst sind. Deswegen sind uns alle Rollen suspekt. Daf\u00fcr halten wir jede private Empfindung f\u00fcr mitteilungsrelevant.<\/p>\n<p><strong>Wir r\u00fccken st\u00e4ndig mit unserer privaten Person in den Vordergrund und halten das f\u00fcr unsere Individualit\u00e4t.<\/strong><\/p>\n<p>Dabei sind unsere Privatmarotten ja ziemlich austauschbar. Genau das macht uns aber so verletzbar. Das ist der Narzissmus, den Richard Sennett in der Kultur der Intimit\u00e4t seit den Siebzigerjahren auftauchen sah. Dieser Narzissmus will immer ganz bei sich selbst bleiben, auf keinen Fall eine Rolle spielen. Aber je mehr er auf sich selbst beharrt, desto mehr frustriert er sich selbst \u2014 und \u00fcbrigens auch sein Bed\u00fcrfnis nach Individualit\u00e4t.<\/p>\n<p><strong>Das m\u00fcssen Sie genauer erkl\u00e4ren.<\/strong><\/p>\n<p>Wenn wir ganz wir selbst sein wollen, bleiben uns die wichtigsten Lustm\u00f6glichkeiten in der Kultur verschlossen. Ganz selbst wollen wir eigentlich gar nichts \u2014 oder nur ganz einfache Dinge wie W\u00e4rme, Windstille, Ruhe: sozusagen Naturqualit\u00e4ten. Sobald es um kulturelle Lust geht, bekommen wir es mit etwas Zwiesp\u00e4ltigem zu tun: mit Alkohol, der berauschend wirkt und Teile unserer Vernunft tr\u00fcbt, sodass wir erheitert sind, aber vielleicht auch Dinge sagen, die wir gar nicht gesagt haben wollen. Oder mit Tabakkultur, was ungesund ist, aber glamour\u00f6s und elegant. Oder dem Rausch der Musik, der uns bet\u00f6rt und uns wegzieht von unseren Alltagssorgen: grossartig, aber auch nicht dauerhaft bek\u00f6mmlich. Immer haben diese Gen\u00fcsse etwas Zwiesp\u00e4ltiges an sich. Wenn wir nur auf das schauen, was wir ganz und immer wollen und was ganz ichkonform ist, schliesst das all diese Gen\u00fcsse aus.<\/p>\n<p><strong>Okay. Aber wie \u00fcberwindet man diese \u00abZwiesp\u00e4ltigkeit\u00bb in allen Dingen, die Spass machen?<\/strong><\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen uns als gesellige Wesen erleben. Wir m\u00fcssen in eine Rolle eintreten, dann gelingt es uns, aus diesem Zwiesp\u00e4ltigen etwas Grossartiges zu machen. Das ist eigentlich Kultur: dass wir zwiesp\u00e4ltige Elemente heranziehen und sie in bestimmten Momenten nicht nur ertragen, sondern sogar feiern k\u00f6nnen und sagen: Das ist jetzt grossartig. Das beweist mir jetzt wieder, dass es sich zu leben lohnt.<\/p>\n<p><strong>Dann sind wir wieder bei dem Begriff der Eleganz, die gerade dann entstehen kann, wenn man eine Rolle spielt. Was ist sie denn genau, die Eleganz? Geht es um Gesten, Weisen des Sprechens, Arten, miteinander umzugehen? <\/strong><\/p>\n<p>Zur Eleganz geh\u00f6rt alles, was wir unternehmen, wenn wir uns von einem unsichtbaren Dritten beobachtet f\u00fchlen. Das ist die Minimaldefinition von Eleganz. Die ganze materielle Kultur geh\u00f6rt dazu, die oft auf diese Beobachtung durch einen unsichtbaren Dritten zielt: Haltung, Gesten, Arten der Kleidung, Arten des Sprechens, Geschwindigkeiten der Bewegung. Dann gibt es die Eleganzbedingungen: also alles in der Kultur, das den Anspruch signalisiert, dass die Leute hier ein bisschen besser sein m\u00fcssen, als sie normalerweise sind \u2014 ein bisschen kl\u00fcger, geselliger, besorgt um das gesellschaftliche Ganze, ein bisschen besorgter um Fragen des Stils.<\/p>\n<p><strong>Was sind die gesellschaftlichen Bedingungen f\u00fcr Eleganz? <\/strong><\/p>\n<p>Wir sind gewohnt zu denken, dass wir dann am freiesten sind, wenn wir ganz wir selbst sind. Also erleben wir es als Befreiung, wenn wir der Geselligkeit beraubt werden. Gibt es keine \u00f6ffentlichen R\u00e4ume mehr, in denen wir elegant auftreten k\u00f6nnen, dann denken wir: Na, so ein Gl\u00fcck! Jetzt brauche ich mich nicht mehr so gezwungen zu benehmen, sondern kann ganz sein, wie ich bin. Die fatale Folge ist, dass die Leute gar kein Terrain mehr vorfinden, wo sie mal ein bisschen besser sein k\u00f6nnen, als sie normalerweise sind, und wo sie auch die Gelegenheit haben, als Citoyen zu sprechen und nicht nur als Bourgeois: als gesellschaftliche B\u00fcrger, die das Ganze im Blick haben und nicht nur ihre Privatinteressen. Eleganz braucht \u00f6ffentliche R\u00e4ume, in denen man sie praktizieren kann. Derzeit konzentriert sie sich auf bestimmte enge R\u00e4ume bestimmter Metropolen. Deswegen ist man so bem\u00fcht, Kunstmuseen und dergleichen zu haben: Die Diskussion um Standortattraktivit\u00e4t ist vor allem eine Frage von Eleganz.<\/p>\n<p><strong>Was w\u00e4re so ein Eleganzraum? <\/strong><\/p>\n<p>Das b\u00fcrgerliche Kaffeehaus, wie man es in Paris oder Wien findet. Wenn der Kellner im dunklen Anzug die Schale Kaffee auf einem Silbertablett serviert, hat man nicht das Gef\u00fchl, man m\u00fcsse sich jetzt mit irgendeiner Sexmarotte im Fernsehen pr\u00e4sentieren, um irgendeine \u00d6ffentlichkeit zu haben. Der Kaffeehausgast ist nicht publicitygeil, weil er hier schon die Publicity durch den unsichtbaren Dritten erleben kann. Das ist eine per\u00ad fekte, nicht k\u00fcnstlerische Eleganzm\u00f6glichkeit.<\/p>\n<p><strong>Andrerseits werden ja Fragen des Stils \u00fcberall verhandelt. Lifestyletexte, Stilkolumnen, die besessene Selbstoptimierung: Wie geht das mit Ihrer These zusammen?<\/strong><\/p>\n<p>Dass wir st\u00e4ndig studieren m\u00fcssen, wie wir unser Leben elegant gestalten k\u00f6nnen und Distinktionsmerkmale anh\u00e4ufen, um eine Spur schnittiger als unsere Kollegen zu sein, verweist auf die Tatsache, dass Eleganz im allgemeinen Gesellschaftsleben eine knappe Ressource geworden ist. Eine Gesellschaft, die sich um Eleganz weniger Sorgen macht, studiert nicht zwanghaft Lifestylebeilagen. Das ist erst dann notwendig, wenn die Bedingungen von Eleganz gesellschaftlich verloren gegangen sind und die Individuen versuchen, sie individuell wieder herzustellen.<\/p>\n<p><strong>Sie sagen allerdings auch: Wir k\u00f6nnen die Eleganz gar nicht mehr zur\u00fcckgewinnen. Weil uns dieses \u00abAls ob\u00bb, dieses Vorspielen f\u00fcr einen unsichtbaren Dritten, nicht mehr reicht. Wir wollen uns nicht nur sch\u00f6n und elegant f\u00fchlen: Wir wollen wirklich sch\u00f6n und elegant sein. Und das sei das Problem.<\/strong><\/p>\n<p>Je weniger wir in der Lage sind, Rollen zu spielen, desto mehr glauben wir nat\u00fcrlich, dass unsere Sch\u00f6nheit von unserer Naturbeschaffenheit abh\u00e4ngt. Und dann geraten wir in die Panik, alles, was st\u00f6ren k\u00f6nnte zu vermeiden \u2014 statt aus verschiedenen Unregelm\u00e4ssigkeiten besonders hervorstechende kultivierte Merkmale zu machen. Weil wir nicht mehr eine \u00f6ffentliche Rolle spielen, sondern nur noch als private Personen in Erscheinung treten, wird pl\u00f6tzlich die Wahrheit des K\u00f6rpers so entscheidend und ger\u00e4t in den Fokus der chirurgischen Optimierung. Und ja: Wir m\u00fcssen kulturell daran gew\u00f6hnt werden, dass man Eleganz \u00fcben kann.<\/p>\n<p><strong>Und wenn man dann zu elegant auftritt, heisst es rasch, man sei ein Narzisst. <\/strong><\/p>\n<p>Dabei widerstrebt wahre Eleganz dem Narzissten, weil er sich in der Vorstellung gef\u00e4llt, dass alles, was gut und richtig ist, ihm eben auch leicht von der Hand gehen m\u00fcsste.<\/p>\n<p><strong>Warum halten wir Eleganz nicht mehr f\u00fcr lernbar?<\/strong><\/p>\n<p>Solange man glaubt, Eleganz h\u00e4ngt an der Natureigenschaft des eigenen K\u00f6rpers, h\u00e4lt man ihre Abwesenheit f\u00fcr Schicksal. Wenn andere einem vor Augen f\u00fchren, dass da etwas zu tun ist, kann das Wut hervorrufen. Es kommt aber noch etwas anderes hinzu, was mit der Privatisierung unter postmodernen und neo\u00adkapitalistischen Bedingungen zu tun hat: Wir haben insgesamt zum Gl\u00fcck des anderen ein aggressives Verh\u00e4ltnis gewonnen.<\/p>\n<p><strong>Ist das ein Grund, weshalb sich Klatschmagazine so gerne mit dem Absturz von Stars besch\u00e4ftigen?<\/strong><\/p>\n<p>Genau. Die Diven des Hollywoodfilms, Sophia Loren, Faye Dunaway, haben meiner Generation tats\u00e4chlich so etwas wie ideale Muster von mond\u00e4nem und erotischem Verhalten geliefert. Und: Der Glanz der Diven hat etwas abgeworfen f\u00fcr die Allgemeinheit. Das Gl\u00fcck des anderen galt auch als Gl\u00fcck f\u00fcr mich: Ich brauchte mich diesem Gl\u00fcck nur anzuschliessen und konnte eine Menge davon abbekommen. Heute hingegen, unter den Bedingungen der Privatisierung, erfahren wir das Gl\u00fcck des anderen immer so, als ob es nur eines davon gibt. Wenn der andere es hat, kann ich es nicht haben: So neidisch wird derzeit mit dem Gl\u00fcck des anderen umgegangen. Heute schaut man fasziniert auf die Sternchen, aber immer in der Hoffnung, ein m\u00f6glichst ab\u00ad stossendes Bild von Glamour zu bekommen, um dann froh zu sein, nichts davon zu haben.<\/p>\n<p><strong>Setzt Eleganz so etwas wie einen Willen zur Gemeinschaftlichkeit voraus?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, wobei ich die Grenze nicht zwischen dem Individuum und der Gruppe ziehen w\u00fcrde, sondern zwischen der Gemeinschaft und der Gesellschaft. Man ist heute durchaus beflissen, einer Gruppe anzugeh\u00f6ren, aber vor allem einer identit\u00e4ren Gruppe. In solche Muster f\u00fcgen wir uns sehr gern und tun auch alles, um diesen Mustern zu entsprechen. Da holen wir uns auf Facebook die Freunde zusammen, die wirklich dieselbe Indie\u00adBand gut finden wie wir. In der Gesellschaft, f\u00fcr Techniken wie H\u00f6flichkeit, Eleganz oder Glamour, brauchen wir den unsichtbaren Dritten. F\u00fcr ihn produzieren wir diesen bestimmten Augenschein, auch wenn wir mit jemandem nichts gemeinsam haben.<\/p>\n<p><strong>Warum ist diese Instanz des unsichtbaren Dritten als Idee befreiend? Es ist ja eine psychische Instanz. Sie sagen: vergleichbar, aber nicht identisch mit dem \u00dcber-Ich. Warum ist das kein grosses, repressives: \u00abSo macht man es eben, also mach du es jetzt auch so?\u00bb<\/strong><\/p>\n<p>Einfach deswegen, weil das Gegenteil weitaus repressiver ist. Das Gegenteil heisst: Mach es einfach so, wie du willst oder wie du glaubst. Das klingt grossartig und antiautorit\u00e4r, ist aber eine totale Beraubung. Die Individuen verf\u00fcgen nicht \u00fcber die Gesamtheit ihrer Lustbedingungen. Der antiautorit\u00e4re Befehl: Mach doch so, wie du willst, das ist, als sage man Leuten, die keine Produktionsmittel haben: Ern\u00e4hr dich doch einfach von deiner H\u00e4nde Arbeit. Freud hat in seiner Studie \u00fcber den Humor bemerkt, dass uns der Humor erm\u00f6glicht, dem gebannten Blick des Ich auf die missliche Lage zu entfliehen. Wir k\u00f6nnen uns selbst aus einer h\u00f6heren Perspektive liebevoll l\u00e4chelnd beobachten und sagen: \u00abNa, du kleiner Hamster, jetzt hast du dich wieder vor dem Haufen Arbeit gef\u00fcrchtet, der da auf dich wartet\u00bb oder dergleichen. Das ist vielleicht das Erschreckendste, was man auf kultureller Ebene \u00fcber unsere Gegenwart sagen kann: dass den Individuen der Humor abhanden kommt.<strong><\/strong><\/p>\n<p><strong>Sie raten zur M\u00e4ssigung der Vernunft. Da gibt es dann so etwas wie das erwachsene Erwachsensein oder die elegante Art, elegant zu sein. Es gibt immer diese zweite Ebene, die um sich weiss.<\/strong><\/p>\n<p>Wenn man unsere Gegenwart mit einem Bild charakterisieren wollte, dann kann man sagen, wir benehmen uns wie altkluge Kinder, die Vernunft darin erblicken, dass sie sich alles versagen, was unvern\u00fcnftig ist: nichts Ungesundes trinken und essen, die Umwelt schonen, die Sicherheit wahren und so weiter. Das ist aber nicht Erwachsenheit oder Vernunft, sondern nur Altklugheit. Erwachsenheit und Vernunft bestehen eben darin, sich nicht alles zu versagen, sondern sich periodisch manches durch\u00ad aus zu g\u00f6nnen: ab und an mit Freunden etwas zu trinken, sich ab und an zu verlieben, ab und an charmante Scherze zu machen und nicht nur ernst daherzureden. Vernunft besteht in einem Vorgang der Verdoppelung von Vernunft. Man muss auf ver\u00ad n\u00fcnftige Weise vern\u00fcnftig sein. Wenn man immer nur vern\u00fcnftig ist, dann ist man v\u00f6llig irrational.<\/p>\n<p><strong>Es klingt, als stimmten Sie in die gerade so modische grosse Post-68-Klage ein. <\/strong><\/p>\n<p>Das Problem war, dass die alten Eleganzformen von der Elterngeneration, dieser Nach\u00adNazi\u00adGeneration, sehr massiv missbraucht wurden: Man hat damit einfach die brisanten Fragen tot\u00ad geschwiegen. \u00abDar\u00fcber spricht man nicht\u00bb ist ein sinnvolles Prinzip, wenn es um Intimit\u00e4ten geht, nicht aber, wenn man politische Fragen verhandelt. Das hat aber ein pauschales Misstrauen nicht nur einer, sondern mehrerer Generationen gegen\u00fcber Eleganzformen hervorgerufen, und deswegen sind sie sehr stark bek\u00e4mpft.<\/p>\n<p><strong>Kann man Eleganz durch Mode f\u00f6rdern, Krawatten, Stiftr\u00f6cke, all die klassischen Utensilien? <\/strong><\/p>\n<p>Ich bin \u00fcberzeugt, dass das eine Frage ist, die zuerst von der Gesellschaft ausgeht und nicht von den Individuen \u2014 man kann das nicht durch eigene Gestaltungsanforderungen ersetzen. Wichtig ist, dass man einen gesellschaftlichen Rahmen vorfindet, in dem man sich beobachtet f\u00fchlt. Was man dort tut und wie man glaubt, dieser Beobachtung am besten zu entsprechen, das kann sich historisch stark ver\u00e4ndern. Aber das Wichtige ist, dass die Individuen eine B\u00fchne vorfinden. Sonst kost\u00fcmieren sie sich im Zuschauerraum.<\/p>\n<p><strong>Was f\u00fcr einen Blick der anderen braucht es denn, um einen in die Eleganz zu treiben? Reicht ein starrender, \u00fcberwachender auch? <\/strong><\/p>\n<p>Es braucht schon einen Blick, der darauf aus ist, vom anderen am\u00fcsiert, begl\u00fcckt zu werden. In der Antike haben die Menschen das Gef\u00fchl gehabt, ihre G\u00f6tter schauten ihnen so zu. Es muss ein Blick sein, der sagt: Na, was zeigst du mir, um mich zu erfreuen? Nicht einer, der fragt: Entsprichst du auch meinen Normen?<\/p>\n<p><strong>Ihre Argumentation f\u00fcr die Eleganz ist auch: Man hat mehr Vergn\u00fcgen so. <\/strong><\/p>\n<p>Das stimmt. Ich glaube auch, die Art, wie wir diese Rollen spielen, erlaubt uns sehr viel mehr Individualit\u00e4t und Erleben von Eigenem als die Fixierung auf das eigene Ich. Da entzieht sich dieses Ich nur und bleibt ein st\u00e4ndiges R\u00e4tsel. Die Gruppe Schmetterlinge hat noch in den Siebzigerjahren in \u00d6sterreich gesungen: \u00abSch\u00f6nheit, du musst k\u00e4mpfen.\u00bb (Lacht) Das ist heute wieder wahr.<\/p>\n<p class=\"pdf\"><a href=\"\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/ma1136_gte_Eleganz.pdf\">Interview als PDF herunterladen<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit Robert Pfaller.\u00a0DAS MAGAZIN, 16.9. 2011 Der Wiener Kulturwissenschaftler Robert Pfaller skizziert in seinem neuen Buch \u00abWof\u00fcr es sich zu leben lohnt\u00bb Elemente einer hedonistischeren Lebensphilosophie. Dabei spielt die Eleganz als Gl\u00fcckstechnik eine wichtige Rolle. Herr Pfaller, was ist denn eigentlich Eleganz? 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