{"id":24,"date":"2011-12-07T15:57:21","date_gmt":"2011-12-07T15:57:21","guid":{"rendered":"http:\/\/katrinkruse.com\/?p=24"},"modified":"2014-11-06T00:51:04","modified_gmt":"2014-11-06T00:51:04","slug":"macht-euren-kinderwunsch-nicht-von-liebe-abhangig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.katrinkruse.com\/de\/interviews\/macht-euren-kinderwunsch-nicht-von-liebe-abhangig\/","title":{"rendered":"\u201eMacht euren Kinderwunsch nicht von Liebe abh\u00e4ngig!\u201c"},"content":{"rendered":"<p class=\"subheader\">Spiegel online, Kultur, 11.Oktober 2011<\/p>\n<p class=\"introduction\">Wer ist schuld,\u00a0wenn\u00a0die Beziehung scheitert? In ihrem neuen Buch &#8220;Warum Liebe weh tut&#8221;\u00a0zeigt Forscherin Eva Illouz,\u00a0warum M\u00e4nner emotionale Kapitalisten sind und Frauen sich an Homosexuellen orientieren sollten. Im Interview erkl\u00e4rt\u00a0sie\u00a0ihr radikales neues\u00a0Beziehungsmodell.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL ONLINE:<\/strong> <strong>Frau Illouz, in Ihrem neuen Buch &#8220;Warum Liebe weh tut&#8221; schreiben Sie, man m\u00fcsse aufh\u00f6ren, die modernen Liebenden mit Rezepten f\u00fcr ein gesundes und schmerzfreies Liebesleben zu traktieren. Sind Sie gegen Selbsthilfeliteratur?<\/strong><\/p>\n<p>Ich wollte tats\u00e4chlich eine Alternative zur psychologischen Sprache der Selbstbezichtigung aufzeigen. Unser Denken und Sprechen \u00fcber die Liebe ist v\u00f6llig diesem Vokabular unterworfen. Wird man verlassen und ist ersch\u00fcttert dar\u00fcber, hei\u00dft es, man w\u00fcrde &#8220;zu sehr lieben&#8221;. Will ein Mann keine traditionelle Beziehung, hei\u00dft es, er habe &#8220;Bindungsangst&#8221;. Die Psychologie, und ich spreche hier von ihrer vulg\u00e4ren Variante, nimmt an, dass wir als Individuen verantwortlich f\u00fcr unser Schicksal sind &#8211; und dass Leiden vermeidbar ist, wenn wir genug an uns arbeiten. Das glaube ich so nicht. Viele Ursachen des Liebesschmerzes sind kollektiv.<\/p>\n<p><strong>Welche kollektiven Ursachen meinen Sie? <\/strong><\/p>\n<p>Unsere Kultur hat angefangen, es als Zeichen von Abh\u00e4ngigkeit zu sehen, wenn wir uns leidenschaftlich verlieben. Leidenschaft erscheint uns suspekt, uncool, ein bisschen hysterisch. Trotzdem tut die Liebe heute weh &#8211; und zwar weil sich die gesellschaftlichen Bedingungen der Partnerwahl ver\u00e4ndert haben. Wir sind mit einer ungeheuren Auswahl m\u00f6glicher Partner konfrontiert, und wir versuchen, so viel sexuelle und emotionale Erfahrung wie m\u00f6glich anzuh\u00e4ufen.<\/p>\n<p><strong>Hei\u00dft das, der moderne Liebende ist egoistisch? <\/strong><\/p>\n<p>Der Raum der Liebe ist heute v\u00f6llig frei von Normen: Jede Form von r\u00fccksichtslosem Verhalten ist erlaubt. Liebe, Ehe und Partnerschaft sind nicht mehr von sozialen Verbindlichkeiten geregelt: Wir begreifen sie als Ergebnis des wundersamen Zusammentreffens zweier privater Willen. Nur erweist sich dieser Wille als recht kompliziert.<\/p>\n<p><strong>Sie sagen, wir k\u00f6nnten uns nicht mehr f\u00fcr jemanden entscheiden. Woher kommt diese Zaghaftigkeit?<\/strong><\/p>\n<p>Sich zu binden, ist immer ein Glaubensakt &#8211; man wei\u00df nicht, ob es mit der Liebe funktioniert und muss die M\u00f6glichkeit akzeptieren, dass man sich nicht an die bestm\u00f6gliche Person bindet. Die Existentialisten hatten recht: Man definiert sich durch die Entscheidungen, die man trifft. Nur wird es immer schwerer, sich zu entscheiden. In unserer Welt der unz\u00e4hligen Wahlm\u00f6glichkeiten kommt es zu Ambivalenz und Apathie: Nicht nur der Wille kommt einem abhanden, sondern sogar das Begehren.<\/p>\n<p><strong>Ein Ziel Ihres Buches, schreiben Sie, sei, das Leiden an der Liebe zu lindern. Wie wollen Sie das tun? <\/strong><\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte, dass Frauen aufh\u00f6ren, sich f\u00fcr das Scheitern einer Beziehung verantwortlich zu f\u00fchlen &#8211; oder wertlos, weil ein Liebhaber sie verlassen hat. Tats\u00e4chlich hat ein gro\u00dfer Teil des romantischen Leidens institutionelle Gr\u00fcnde. In der Moderne erfahren wir Best\u00e4tigung gr\u00f6\u00dftenteils durch die Liebesbeziehung. Das gilt f\u00fcr M\u00e4nner ebenso wie f\u00fcr Frauen, nur sind Frauen st\u00e4rker darauf angewiesen, weil sie meistens noch immer weniger stark im \u00f6ffentlichen Leben verankert sind. Das Scheitern einer Beziehung f\u00fchlt sich f\u00fcr sie oft so an, als werde ihr Selbstwert untergraben. Es gibt eine Asymmetrie zwischen den Geschlechtern &#8211; nicht, weil Frauen an sich schw\u00e4cher w\u00e4ren, sondern aufgrund des sozialen Arrangements. Als Feministin ging es mir darum, die Mechanik dieser <em>emotionalen<\/em> Asymmetrien aufzuzeigen.<\/p>\n<p><strong>Ihre Beschreibung dieser Asymmetrie zielt vor allem auf Frauen ab, die Kinder wollen.<\/strong><\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist die Liebe am kompliziertesten f\u00fcr Frauen, die Familienleben mit Romantik &#8211; und das hei\u00dft heute: ihrer eigenen Freiheit und Autonomie &#8211; kombinieren wollen. Eine Frau, die sich f\u00fcr Familie entscheidet, wird abh\u00e4ngiger vom Wohlwollen eines Mannes. In vormodernen Zeiten war es f\u00fcr M\u00e4nner selbstverst\u00e4ndlich, einen Haushalt zu gr\u00fcnden. Heute ist ein konventionelles h\u00e4usliches Arrangement f\u00fcr sie weit weniger dringlich. Sie haben in der Kinderfrage mehr Zeit, au\u00dferdem h\u00e4ngt ihr sozio\u00f6konomischer Status weniger von Heirat und Familie ab. Frauen, die heute eine konventionelle Familie wollen, haben keine Handhabe, ein anderes Arrangement der Geschlechter zu fordern: Beziehungen sind heute weitgehend durch Freiheit und Autonomie definiert.<\/p>\n<p><strong>Ein Schl\u00fcsselbegriff scheint da &#8220;erotisches Kapital&#8221; zu sein. Was genau bedeutet das?<\/strong><\/p>\n<p>Das erotische Kapital bezeichnet, wie attraktiv wir f\u00fcr andere sind, die Menge unserer sexuellen Erfahrung, die Zahl unser Sexualpartner &#8211; und wie wir all das in soziales Kapital konvertieren k\u00f6nnen. Wir denken \u00fcber uns selbst in Begriffen der sexuellen Leistung, davon m\u00fcssen wir wegkommen. Ich habe keine moralische Sicht auf den Sex, aber den Selbstwert an sexuelle Attraktivit\u00e4t oder sexuelle Leistung zu binden, erweitert die Bandbreite unserer Begegnungen nicht. Im Gegenteil: Es engt uns ein.<\/p>\n<p><strong>K\u00f6nnen Sie das ausf\u00fchren?<\/strong><\/p>\n<p>Die Idee von Sex, der dem Vergn\u00fcgen dient und nicht der Reproduktion, war extrem wichtig, sowohl politisch als auch moralisch. Aber wir sind noch einen Schritt weiter gegangen: Sexualit\u00e4t, sexuelle Attraktivit\u00e4t und sexuelle Erfahrung haben M\u00e4nner und Frauen sehr eindimensional neu definiert. Sie stehen mittlerweile im Zentrum von Beziehungen. Gef\u00fchle gelten nur mehr als l\u00e4stige, hinderliche Randelemente. Ich glaube, dass genau diese Form sexueller Freiheit zu einer neuen emotionalen Herrschaft von M\u00e4nnern \u00fcber Frauen gef\u00fchrt hat.<\/p>\n<p><strong>In &#8220;Warum Liebe weh tut&#8221; haben Sie daf\u00fcr folgende Erkl\u00e4rung: Die M\u00e4nner agieren schlicht als emotionale Kapitalisten. Auf den Heiratsm\u00e4rkten sind bindungswillige Frauen im \u00dcberma\u00df vorhanden &#8211; also machen die M\u00e4nner ihre Bindungswilligkeit zum raren Gut. Das klingt ein bisschen nach dem Standardargument &#8220;M\u00e4nnern und Frauen sind eben von Natur aus verschieden&#8221;.<\/strong><\/p>\n<p>Ich denke, es ist genau andersherum. Die Moderne hat bestimmte M\u00e4nner hervorgebracht &#8211; und wir ziehen nun Erkl\u00e4rungsmuster aus der Biologie heran, um das zu rechtfertigen. Dabei gibt es genug historische Beispiele f\u00fcr andere Formen von M\u00e4nnlichkeit. Im 19. Jahrhundert etwa war sie wesentlich durch Leidenschaft und den Willen zur Bindung definiert. Selbst wenn es eine Biologie der Geschlechter g\u00e4be, k\u00f6nnte sie durch soziale Normen ver\u00e4ndert werden. Genau diese Normen sollten wir diskutieren, nicht eine hypothetische &#8220;biologische Natur&#8221;. Die unterschiedliche Sexualit\u00e4t von Frauen und M\u00e4nnern ist ein Spiegel ihrer sozialen Stellung. Im Ernst, denken Sie dar\u00fcber nach: Geben Sie den Frauen Macht und Geld, machen Sie sie zu Staatsf\u00fchrern, und lassen Sie die M\u00e4nner in Konferenzen den Frauen den Kaffee servieren, ihre Kinder aufziehen und das Abendessen machen &#8211; dann w\u00e4ren die M\u00e4nner diejenigen, die sich nach einer gefestigten, monogamen Beziehung sehnen.<\/p>\n<p><strong>Trotz allem haben Sie die Hoffnung auf &#8220;neue Formen leidenschaftlicher Liebe&#8221;. Am Schluss Ihres Buches klingen Sie, als br\u00e4uchten wir daf\u00fcr eine Art Manifest. Was st\u00fcnde darin?<\/strong><\/p>\n<p>Das erste Gebot dieses Manifests w\u00e4re: Es ist nicht uncool, die eigenen Werte und Grunds\u00e4tze auch auf die Liebe anzuwenden. Schon bei Platon steht, wie jemand liebt, sei Ausdruck der Gr\u00f6\u00dfe seines Charakters. Mein zweites Gebot w\u00e4re, dass Leidenschaft cool ist &#8211; nicht Distanziertheit. Bed\u00fcrftigkeit geh\u00f6rt zu einer Liebesbeziehung dazu. Drittens ginge es darum, ein anderes Modell von M\u00e4nnlichkeit in den Vordergrund zu schieben.<\/p>\n<p><strong>An was f\u00fcr ein Modell von M\u00e4nnlichkeit denken Sie da?<\/strong><\/p>\n<p>Eines, bei dem Abh\u00e4ngigkeit, Verletzbarkeit und Leidenschaft zu einem &#8220;echten&#8221; Mann dazugeh\u00f6ren. Eines, in dem wir das Verh\u00e4ltnis von Autonomie und F\u00fcrsorge neu formulieren.<\/p>\n<p><strong>Und was ist mit den Frauen?<\/strong><\/p>\n<p>Den Frauen m\u00f6chte ich sagen: Macht euren Kinderwunsch nicht abh\u00e4ngig vom Wunsch nach romantischer Liebe. Wenn ihr Kinder wollt, bekommt sie allein &#8211; oder in einer Gemeinschaft mit anderen Frauen, die ebenfalls Kinder wollen. Oder mit M\u00e4nnern, die Kinder wollen, aber nicht eure Partner sind. Es braucht keine traditionelle Familienstruktur, um Kindern aufzuziehen. Ich glaube wirklich, dass Homosexuelle in vielem die Avantgarde der Gesellschaftsentwicklung bilden, etwa bei der Frage der Trennung von Elternschaft und sexuell-romantischen Beziehungen: Manchmal korrespondieren sie, manchmal nicht. Und wenn sie nicht korrespondieren, sollte man sie getrennt verfolgen. Ich glaube, wir werden in diese Richtung gehen. Wir sollten es.<\/p>\n<p><strong>Das ist ziemlich radikal.<\/strong><\/p>\n<p>Es ist eine Mischung. Im Grunde bin ich hypermodern und viktorianisch zugleich. Hypermodern, weil ich die Familie nicht als Ideal sehe, das es zu bewahren gilt. Und viktorianisch, weil ich trotzdem auf Werte und Charakter poche. Beim modernen Selbst geht es um Flexibilit\u00e4t. Nur: Wenn man gesellschaftliche Strukturen ver\u00e4ndern will, braucht es Leute, die sich festlegen. Verbindlichkeit kann sich erst dann einstellen, wenn es feste Werte gibt.<\/p>\n<p><strong>Sie scheinen der dauernden Selbstbefragung nicht zu trauen.<\/strong><\/p>\n<p>Wenn wir nach innen schauen, sehen wir oft schlicht ungeheure Unordnung. Schwankende Gef\u00fchle, unklares Begehren und W\u00fcnsche, die miteinander in Konflikt stehen. Authentizit\u00e4t ist eine terroristische kulturelle Idee. Sie zwingt einen, nach der Quintessenz des eigenen Wesens zu suchen: Aber oft gibt es diese Quintessenz nicht. Gef\u00fchle, ebenso wie Menschen, sind Gr\u00f6\u00dfen, die sich ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p><strong>Warum halten wir so unverdrossen an der Idee der romantischen Liebe fest? <\/strong><\/p>\n<p>Es gibt diese tiefe Sehnsucht danach, dass jemand die Einzigartigkeit unserer Existenz anerkennt. Und die Idee der Liebe ist auch deshalb so kostbar f\u00fcr uns, weil sie nicht eigenn\u00fctzig ist. Sie ist absichtslos, und genau das macht die Sch\u00f6nheit der Liebe aus.<\/p>\n<p><strong>Sie sind gegen jede Berechnung.<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin ganz f\u00fcr Vernunft, aber ganz gegen Berechnung. Leidenschaft darf nicht von der Vernunft getrennt sein. Es ist grundfalsch, jemanden zu lieben, der einen nicht zur\u00fcckliebt. Das Herz sollte keine Fehler machen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/literatur\/0,1518,790592,00.html\">http:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/literatur\/0,1518,790592,00.html<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Spiegel online, Kultur, 11.Oktober 2011 Wer ist schuld,\u00a0wenn\u00a0die Beziehung scheitert? In ihrem neuen Buch &#8220;Warum Liebe weh tut&#8221;\u00a0zeigt Forscherin Eva Illouz,\u00a0warum M\u00e4nner emotionale Kapitalisten sind und Frauen sich an Homosexuellen orientieren sollten. Im Interview erkl\u00e4rt\u00a0sie\u00a0ihr radikales neues\u00a0Beziehungsmodell. 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