{"id":22,"date":"2011-12-05T15:48:34","date_gmt":"2011-12-05T15:48:34","guid":{"rendered":"http:\/\/katrinkruse.com\/?p=22"},"modified":"2015-04-22T22:18:14","modified_gmt":"2015-04-22T20:18:14","slug":"nude-as-nude-can","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.katrinkruse.com\/de\/essays\/nude-as-nude-can\/","title":{"rendered":"Nude as Nude can"},"content":{"rendered":"<h5>Und siehe: Die Modefarbe der Saison ist &#8211; die Farblosigkeit. Kein einfacher Farbton. Aber einer, der aufs Wesentliche f\u00fchrt: die Frau auf sich selbst und die Mode auf die Form. Eindr\u00fccke von den gerade zu Ende gegangenen Pr\u00e9t-\u00e0-Porter-Schauen in Paris<span class=\"Apple-style-span\" style=\"font-size: 13px; font-weight: normal;\">\u00a0<\/span><\/h5>\n<p>Was k\u00f6nnte ein h\u00fcbscherer Name f\u00fcr das Schauenzelt im Tuileriengarten sein? Espace \u00e9ph\u00e9m\u00e8re, ein Raum, fl\u00fcchtig wie die Mode selbst einmal gewesen ist. Gestern gingen die Pariser Pr\u00eat-\u00e0-Porter Schauen zu Ende, und sicher: Wer will, kann \u00fcber Tendenzen sprechen. Der n\u00e4chste Sommer, das sind knielange R\u00f6cke, schwingend zumeist, getragen zu Blusen, deren Volumen in den Schultern sitzt oder gleich im ganzen Arm. Gepr\u00e4gte Plissees, moderater Einsatz von Spitze, erstaunlich viele Shorts und zur\u00fcckgenommene Farben, angefangen von Wei\u00df, Beige in Abstufungen \u00fcber Bronze bis zur\u00fcck zur wirklich neuen Farbe der Saison: der Farblosigkeit. &#8220;Nude&#8221; in der Mode, das ist der Miederhosenton ins Ros\u00e9 gezogen. Kein ganz einfacher Farbton, weil er eine Erscheinung nur machen kann, wo sie auch ohne ihn w\u00e4re. Man kann also sagen, dass er aufs Wesentliche f\u00fchrt: die Frau auf sich selbst. Und die Mode auf die Form.<\/p>\n<p>Es ist ausgerechnet John Galliano f\u00fcr Dior gewesen, der der neuen Unfarbe eine ganze Kollektion gewidmet hat. Im gerade renovierten Grand Palais, einem gigantischen Raum, hoch oben von einem um 1900 aus Glas und Eisen konstruierten Dach \u00fcberw\u00f6lbt, kam das erste Model auf den Laufsteg. Zu den vorigen Dior-Kollektionen verhielt es sich etwa so wie ein niedersinkender Wattebausch zu dem geradezu industriellen L\u00e4rm, der vom Band kam. Wenn es Stille gibt in der Mode, dann liegt sie in diesem Kleid: Chiffon, schmal, knapp knielang, Farbton Nude, schwarze Spitze dar\u00fcber gelegt wie ein Bustier. Make up keines &#8211; keine Drag-Augen, kein Big Hair -, und es folgte Nude mit Spitze, Nude in Lagen, Nude drapiert und Nude mit Farbverlauf. Wer sich auf eine Farbe festlegt und auf ein Material &#8211; gewaschenes Leder war zu sehen, ein wenig Jeans: Nude, Nude &#8211; der konzentriert sich auf die Konstruktion. Mal waren es wenige Lagen des hauchd\u00fcnnen Materials, zusammengehalten von silbrig gl\u00e4nzenden B\u00e4ndern, die die Linien eines Korsetts oder eines Mieders nachzeichneten. Bodenlange Draperien gingen in Safran \u00fcber oder in eine Schleppe in Pink. Nach der Schau ging es weiter zur Er\u00f6ffnung von &#8220;Klimt, Schiele, Moser, Kokoschka: Wien 1900&#8221;, Sponsor: der Luxuskonzern LVMH. Bald flanierte man in Reihe an Gustav Klimts &#8220;Nuda Veritas&#8221; vorbei.<\/p>\n<p>Vor zehn Jahren, so erinnert die Modekritikerin Suzy Menkes in der <em>International Herald Tribune,<\/em> waren erstmals Schauenbilder im Netz zu sehen, kaum, dass das Defilee zu Ende war. M\u00f6glich, dass es &#8220;die Mode&#8221; bald nicht mehr geben werde, so habe sie damals geschrieben, schreibt Menkes heute: die Mode als Vision eines Designers, auf den Schauen pr\u00e4sentiert, in exklusiven L\u00e4den verkauft und dann erst als Konzept weiter verbreitet. In der Tat, man hat sich daran gew\u00f6hnt: Die Bilder der Schauen sind zug\u00e4nglich, das geistige Eigentum flottiert frei. Noch bevor die Originale ausgeliefert sind, h\u00e4ngen die Kopien im Massenmarkt. Die Zyklen der Mode sind k\u00fcrzer geworden, was das Design selber nicht unangetastet l\u00e4sst: Schnelligkeit h\u00e4ngt die Verfolger ab, Detailreichtum stellt sich der &#8220;Fast-Fashion&#8221; entgegen. In der Folge wird die Qualit\u00e4t eines Designers immer mehr daran gemessen, wie leicht er &#8211; technisch &#8211; kopierbar ist.<\/p>\n<p>Allzu gro\u00dfe &#8220;Tragbarkeit&#8221; ist &#8211; neben dem entgegengesetzten &#8220;Wer soll das anziehen?&#8221; &#8211; zu einem der gewichtigsten Vorw\u00fcrfe geworden, die man einem Designer machen kann. Nur, einer Modekollektion vorzuwerfen, sie sei tragbar, das ist ein wenig wie die G\u00fcte eines Architekten daran messen, dass niemand in seinen H\u00e4usern wohnen will. Die zentrale Frage ist eine ganz andere: Was ist origin\u00e4res Design? Auf der Londoner Modewoche vor zwei Wochen hat erstmals eine High-Street-Kette, Top Shop, eine eigene Kollektion gezeigt. Jeder der gezeigten Entw\u00fcrfe k\u00f6nne sich mit allen anderen Kollektionen messen, sagte der Pr\u00e4sident des British Fashion Council. Die nackte Wahrheit der Mode ist, dass der Begriff des Originals aus ihr verschwindet.<\/p>\n<p>Nimmt man Nude nicht als Farbe, sondern als Strategie der Reduktion, dann hat man das, was eine gute Kollektion immer auch ist: die Beschr\u00e4nkung. Sie findet sich in der bodenlangen, sanft geschwungenen Eleganz der Kleider aus \u00fcbereinander gelegter Spitze bei Rochas oder in den verfeinerten Varianten auf die Kniel\u00e4nge in Falten und Plises bei Veronique Branquinho. Die macht, mit t\u00fcrkisfarbenen, gl\u00e4nzenden Bustiercatsuits &#8211; wie gro\u00dfartig hier die sanfte Pragmatik erscheint &#8211; fast s\u00e4mtlichen Outfits zugleich deutlich, dass Styling als Beigabe zur entschiedenen Silhouette funktionieren kann. Vielfalt allerdings scheint die andere Strategie zu sein. &#8220;Coco meets James Dean&#8221;, der Kollektionstitel bei Chanel. Der imagin\u00e4ren Begegnung verdanken sich Jeans-Ensembles f\u00fcr den Herrn, von grauen Bord\u00fcren ges\u00e4umt. Knielange Cardigans in Camel, ein schwarz-wei\u00dfer Hahnentrittmantel mit offenen Kanten, Radlerhosen aus schwarzer Spitze, knielang ausgestellte Petticoats, schmale lange Kleider, Blusen mit Tulpen\u00e4rmeln in erstaunlich kr\u00e4ftiger, rot-gr\u00fcn-blauer Farbigkeit und schwarze Tweedblousons mit Rei\u00dfverschluss wie die Lederjacke James Deans. Warum sich die beiden treffen mussten, blieb ungekl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Die Taschen! Kettenprint, der Henkel ein Seidentuch im selben Muster. Die Monogrammtasche in Schwarz mit bunten Fransen. Lederne, laptoptaugliche Schultertaschen in wei\u00df oder orange mit \u00fcppigem Golddekor. B\u00fcgeltaschen, wie eine Schatzkiste mit Steinen besetzt. Der neue Louis Vuitton Flagship-Store, der diese Woche in Paris er\u00f6ffnet, wird reichlich Material haben &#8211; ist doch die Mode, von pinkfarbenen Minikleidern mit kleinem Cul und Schleppenandeutung \u00fcber beigefarbene geflochtene Fransenlederkleider zum engen schwarzen Lackkleid zum Wollminirock mit schlichter Bluse mit kurzem Binder \u00e4hnlich vielgestaltig. Die Schuhe sind &#8211; der Tendenz der Saison entgegen, die eher zu Schn\u00fcrsandalen mit dicken Sohlen und hohem, aber kr\u00e4ftigen Absatz geht &#8211; von fragil-bunter Gestalt und, den strauchelnden Models zufolge, eine wirkliche Herausforderung.<\/p>\n<p>Das Accessoire ist in der Mode sicher zentral &#8211; der Fokus des Laufstegs: die Taschen, Tendenz zum Schuh &#8211; manchmal aber reicht auch die Attit\u00fcde. W\u00fcrdevoll Wandeln, das K\u00f6pfchen in Zeitlupe neigen und die diversen Spielarten des Blas\u00e9 und Enerv\u00e9 \u00fcber die Miene ziehen lassen. Und warum soll sich den Colliergriff nicht leisten, wem das Collier fehlt: das ist die kleine Pariser Pr\u00eat-\u00e0-Porter-Demokratie.<\/p>\n<p>&#8220;Active Resistance to propaganda&#8221;: Die Kollektion von Vivienne Westwood hei\u00dft so bereits in der zweiten Saison. &#8220;I am not a terrorist, please dont arrest me&#8221; &#8211; die Plakette, die Westwood vor der Schau um den Hals tr\u00e4gt, kehrt in der Kollektion auf T-Shirts wieder. Es ist Westwoods Kommentar zu den britischen Antiterrorismusgesetzen. &#8220;Die alte Schachtel&#8221;, sagt der Kollege. Gesellschaftskritik ohne zynische Attit\u00fcde scheint eine hochnotpeinliche Aff\u00e4re zu sein. Der aktive Widerstand gegen Propaganda ist so etwas wie die Selbsterziehung des Individuums gegen das Schnattern der Popul\u00e4rkultur: &#8220;Wir leben in einer konformistischen Welt&#8221;, sagt sie. Der Galerienbesuch ist Kultur, der Kinobesuch ist es nicht: Es mag eine \u00fcberraschend kulturkonservative Position f\u00fcr jemanden sein, der mit Punk begonnen hat. Aber es gelingt ihr, den aktiven Widerstand in Mode zu \u00fcbersetzen. Die Sachen sind verzupft, aber nicht ohne Sorgfalt im Schnitt. Die d\u00fcrren osteurop\u00e4ischen M\u00e4dchen sehen mit ihren dunkel geschminkten Lippen wie zornige Feen aus.<\/p>\n<p>Eleganz ist gemeinhin der Kern der Pariser Schauen. Es sind die Deutschen, die zeigen, dass Eleganz nicht alles ist. Das Duo Bless lie\u00df in der kleidsamen Kulisse einer halb \u00fcberdachten Pflanzenhandlung eine Kollektion vorbeidefilieren, die ihrem konzeptuellen Ruf alle Ehre machte. Aus d\u00fcnnen Z\u00f6pfen, die wie eine Kappe auf dem Kopf sitzen, werden Fransen und aus den Fransen ein Kleid. Ein grauer, schmaler Jerseyrock findet seinen Abschluss in dunkelgrauen Shorts, die auf Kn\u00f6chelh\u00f6he baumeln. Ein maisgelbes Joggingoutfit f\u00fcr den Herrn oder volumin\u00f6se, wei\u00df-rot gestreifte Seersucker-Hosen. Bunte Perlen, auf ein Computerkabel gef\u00e4delt, geben den Schmuck, der Schl\u00fcsselbund wird an einem schwarzen Zauberstab gehalten: Da ist der Transformationsgedanke wirklich ausgereizt.<\/p>\n<p>Bernhard Willhelm transformiert in seiner Schau den Supermann zum Supergirl. Ein Minikleid mit flatterndem Umhang, wei\u00dfe &#8220;Is this the future?&#8221;-Schals. Die Seitennaht von Leggings s\u00e4umt ein gezackter Stoffstreifen wie der R\u00fcckenrist eines Leguans. Zipfelkapuzen, Shirts mit kleiner Vampirschleppe und immer wieder die Supermannfarben: &#8220;The club culture is not dead&#8221;, sagt Willhelm nach der Schau. Und, dass der Minimalismus keine L\u00f6sung sei. Das nur lustige Design allerdings auch nicht.<\/p>\n<p>Lutz Huelle gelingt es, Konzeptualismus in die Kleidung zu bringen &#8211; und tats\u00e4chlich kommt dabei Mode heraus. Der Strick, der fest beginnt und in lockeren Maschen endet, die Kn\u00f6pfe, die klein beginnen und broschenartig aufh\u00f6ren, der Rock, der von vorn ein Hosenrock mit zwei unterschiedlichen Beinen ist und von hinten ein Stiftrock. Wenn eine Denkwelt erkennbar ist, dann stellt sich die Kopienfrage nicht.<\/p>\n<p>http:\/\/www.taz.de\/1\/archiv\/archiv\/?dig=2005\/10\/11\/a0158<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Und siehe: Die Modefarbe der Saison ist &#8211; die Farblosigkeit. Kein einfacher Farbton. Aber einer, der aufs Wesentliche f\u00fchrt: die Frau auf sich selbst und die Mode auf die Form. Eindr\u00fccke von den gerade zu Ende gegangenen Pr\u00e9t-\u00e0-Porter-Schauen in Paris\u00a0 Was k\u00f6nnte ein h\u00fcbscherer Name f\u00fcr das Schauenzelt im Tuileriengarten sein? 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