{"id":20,"date":"2011-12-04T15:48:07","date_gmt":"2011-12-04T15:48:07","guid":{"rendered":"http:\/\/katrinkruse.com\/?p=20"},"modified":"2011-12-09T09:15:12","modified_gmt":"2011-12-09T09:15:12","slug":"kleider-fur-die-arbeitende-frau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.katrinkruse.com\/de\/essays\/kleider-fur-die-arbeitende-frau\/","title":{"rendered":"Kleider f\u00fcr die arbeitende Frau"},"content":{"rendered":"<p class=\"subheader\">taz, Kultur, 16.3.2010<\/p>\n<p class=\"introduction\">Die Pr\u00eat-\u00e0-porter-Schauen in Paris sind zu Ende gegangen. Zu entdecken war dort eine neue, alte Liaison von Mode und Modernit\u00e4t, die im Hosenanzug, den s\u00e4mtliche H\u00e4user in all seinen Variationen zeigten, ihr gro\u00dfes Defilee hatte. Jetzt will man wie alle anderen sein<\/p>\n<p>Die Mode f\u00fcr den n\u00e4chsten Winter hat eine neue Heldin: Es ist die arbeitende Frau. Sie wird Anzug tragen, also das Gleiche wie die M\u00e4nner auch. Der Hosenanzug war denn auch der rote Faden der Pr\u00eat-\u00e0-porter-Schauen in Paris, die eben zu Ende gegangen sind. Was uns erwartet? Tweedhosen mit Jacketts, gemacht aus standfester Wolle. Jede Menge wehrhaftes Material war auf den Laufstegen zu sehen, in sachlich-elegante Silhouetten gebracht. Oftmals war es ein rasanter Sprung zur\u00fcck in die Siebzigerjahre &#8211; aber die Bez\u00fcge sind so subtil gesetzt, dass es nicht vergangen wirkte, sondern modern. \u00dcberhaupt, das Moderne: Mit dem ist die Mode derzeit wieder befasst. Nur meint sie damit nicht wie bisher die eine neue Farbe oder die aktuelle Habenwollen-Tasche, sondern eher eine Haltung, oder besser: einen Typus. Sie hat ihn in der modernen Frau gefunden.<\/p>\n<p>Wie richtig sie damit liegt, l\u00e4sst sich schon an der Begeisterung ermessen, mit der man jetzt den Kollektionen applaudiert, in denen dieser Typus zu sehen ist. Allen voran beim franz\u00f6sischen Modehaus C\u00e9line, wo die Britin Phoebe Philo ihre zweite Kollektion gezeigt und mit ihr das lange vergessene Modehaus in die erste Liga hinaufgespielt hat. Philo brachte ihr Defilee auf drei Begriffe: &#8220;Stark. Energisch. Reduziert.&#8221; Zu sehen waren Variationen auf den Anzug: eine kragenlose, \u00fcberlange Jacke etwa, seitlich gekn\u00f6pft, mit einer Dreiviertelhose, die unten weit das Bein umspielte. Und es gab Kleider mit derselben formellen Sachlichkeit, die dem Anzug eigen ist &#8211; getragen \u00fcbrigens zu Loafers mit festem Absatz, die im Vergleich zu den Killerheels der letzten Saisons als vern\u00fcnftiges Schuhwerk durchgehen. Wer mit solchen Schuhen auf dem gepflasterten Weg bleibt, kann zur allergr\u00f6\u00dften Not auch auf Wanderschaft gehen &#8211; was wohl C\u00e9line Vipiana gefallen h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Die hat C\u00e9line 1945 gegr\u00fcndet. 1979 sagt Vipiana, sie habe beim Entwerfen eine Frau wie sich selbst vor Augen: &#8220;Sie ist dynamisch, sie arbeitet, sie reist viel und sie verl\u00e4sst sich nicht auf extravagante, allzu exzentrische Kleidung, um die Leute davon zu \u00fcberzeugen, dass sie sei eine gro\u00dfartige Pers\u00f6nlichkeit ist.&#8221; K\u00f6nnte der Satz der Saison sein &#8211; und gleichzeitig erkl\u00e4ren, warum die Siebziger derzeit so viele Modemacher umtreiben.<\/p>\n<p>In den Siebzigern n\u00e4mlich hat es letztmals einen Typus in der Mode gegeben, der zudem ein Versprechen bereithielt. Emanzipation war ja nicht die Aktion von einer, sondern von vielen &#8211; und die konnte man sehen. Die androgynen Anz\u00fcge waren die Uniform derer, denen die Berufst\u00e4tigkeit nicht nur Selbstverwirklichung, sondern auch gesellschaftliche Teilhabe versprach.<\/p>\n<p>Die Silhouette der Siebzigerjahre war dabei keineswegs zuf\u00e4llig, genauso wie in den Zwanzigerjahren, als mit der Neuen Frau zum ersten Mal ein Kollektivtypus in die Welt kam. Bubikopf, knielanger Rock, tiefgezogene Taille, das war deren Erscheinung. Sie wurde symbolisch gelesen: Man begriff die neue Linie als Befreiung &#8211; vom Korsett, aber auch von einer \u00fcberkommenden Idee dekorativer Weiblichkeit. Was h\u00e4tte moderner sein k\u00f6nnen, als Teil dieses Umbruchs zu sein, folglich diesen Typus zu verk\u00f6rpern?<\/p>\n<p>Denn modern war ja nicht die Kleidung &#8211; modern war die Haltung, die in ihr zum Ausdruck kam. Dieser Typus hielt ein Versprechen bereit. So ist das einmal gewesen in der Mode. Und viel spricht daf\u00fcr, dass es bald wieder so ist.<\/p>\n<p>Auf den Laufstegen f\u00fcr den n\u00e4chsten Winter waren also Siebzigerjahre-Silhouetten zu sehen. Die Models bei Yves Saint Laurent trugen alte YSL-Entw\u00fcrfe als silberne Anh\u00e4nger an langen Ketten um den Hals. Das Schweizer Modehaus Akris, sonst f\u00fcr architektonische Anleihen bekannt, zeigte Anz\u00fcge aus Doubleface-Kaschmir und Tweed &#8211; die Hosen hoch in der Taille, die Jacketts mit der langen, herrenhaften, leicht taillierten L\u00e4ssigkeit der Siebzigerjahre. Stella McCartney bringt Zweiteiler jenseits der konventionellen Anzugform: ein Oberteil, fest wie eine Jacke, getragen zu Zigarettenhosen. Wobei es nat\u00fcrlich alle anderen Hosenformen auch noch gibt &#8211; Marlene, Jodhpur, Zigarettenhosen mit Aufschlag. Keine Form ist hier aus der Mode, alles geht &#8211; und eben doch nicht. Das ist das Aufregendste an dieser Saison: dass es pl\u00f6tzlich wieder einen gemeinsamen Nenner dessen gibt, was als zeitgem\u00e4\u00df zu verstehen ist. Man muss diese neue, alte Liaison von Mode und Modernit\u00e4t auch als lebensrettende Ma\u00dfnahme der Modeindustrie begreifen: Blo\u00df neue Muster oder eine neue Farbe zu zeigen, das bringt heute keine mehr zum Kauf. Und globalisiert gesprochen gilt ohnehin: Die sachliche Eleganz ist die Notwehr des alten Europa.<\/p>\n<p>Aber diese sachliche Eleganz ist eben auch viel interessanter als das, was die Mode in den letzten zehn Jahren umgetrieben hat: die Besessenheit mit dem Individuellen. Scott Schumann, mit seinem Blog <em>The Sartorialist <\/em>eine der bildpr\u00e4gendsten Gestalten der Modewelt, h\u00e4lt diese Eleganz schon seit l\u00e4ngerem fest. Schumann fotografiert in New York, wo er zu Hause ist, ebenso wie in Paris, Mailand oder Rio, wo er die Modewochen besucht. Sicher, er f\u00e4ngt auch ein paar Poseure ein. Meist aber sind es Gro\u00dfstadtbewohner, eilig in ihrem Alltag, stets unterwegs, denen die Stra\u00dfe immer auch ein bisschen Behausung ist.<\/p>\n<p>Es mochte anfangs so aussehen, als w\u00fcrde die Welt hier in eine gigantische Modestrecke \u00fcberf\u00fchrt: als f\u00e4nde jetzt alles nur mehr im Gestus des &#8220;als ob&#8221; statt. Doch es ist anders gekommen. Tats\u00e4chlich wird die globale Metropolenmode hier gleichzeitig abgebildet und \u00fcberhaupt erst hergestellt. Wenn es einen Ort gibt, wo sich ein Typus formiert und die Bereitschaft zu ihm, dann hier. Schumann kann sich, \u00e4hnlich wie die Hunderte der Kommentatoren, \u00fcber die Kombination zweier Blaut\u00f6ne, das Hochkrempeln eines Jackett\u00e4rmels oder das Apartsein eines Cardigans begeistern. So dicht am Stoff, so konzentriert auf die Kleiderfunktion der Mode war man lange nicht. Was Schumann so gelingt, ist eine Momentaufnahme. Was er so einf\u00e4ngt, ist Modernit\u00e4t &#8211; genau so, wie Baudelaire im Aufsatz &#8220;Der Maler des modernen Lebens&#8221; am Beispiel des Zeichners Constantin Guys beschreibt: als Erfahrung von Gegenw\u00e4rtigkeit. Guys, ein Flaneur in der Menge, der schaut und das Gesehene nachtr\u00e4glich im schnell hingemalten Aquarell verdichtet, ist dieser &#8220;Maler des modernen Lebens&#8221;. Zeichnend rapportiert er nicht zuletzt die Ver\u00e4nderungen in der Mode. Die liefert nicht ihre eigenen Fu\u00dfnoten zur Erkl\u00e4rung mit. Sie sagt nur: Jetzt, jetzt, jetzt.<\/p>\n<p>Nach Allerlei aus aller Welt sah die Globalisierung der Mode an ihrem Anfang aus. Jean Paul Gaultier hat das auch in dieser Saison gezeigt: Mexiko trifft auf Haremshosen trifft auf Massai trifft auf Turban. Auch John Galliano brachte einen globalen Ethnomix. Die Kollektionen erinnern an die Zeit, als ein Modesch\u00f6pfer eine Reise tat und mit erquicklichen Eindr\u00fccken zur\u00fcckkehrte, aus denen bunte Kleider wurden. Heute sagt die Kundin eher: Erspar mir deine Fantasien. Schlie\u00dflich reist sie l\u00e4ngst selbst. Und wer wollte auf den Stra\u00dfen einer Gro\u00dfstadt schon aussehen wie ein Eskimo? Eben &#8211; keine mehr. Wie sieht sie jetzt aus, die Modernit\u00e4t? Man muss sie sich ein wenig so vorstellen wie Faye Dunaway in der Medienkom\u00f6die &#8220;Network&#8221; von 1976: Deren Jerseyr\u00f6cke mit Kellerfalte, die Seidenblusen waren ja nichts anders als das Vehikel ihrer hochtourigen Agilit\u00e4t. In ihnen nimmt Dunaway mit verschlungenen Beinen f\u00fcr die informelle Unterredung auf Schreibtischen Platz oder entflammt mit ausladender Gestik m\u00fcrbe Kollegen f\u00fcr eine Idee. Sie ist weit ausschreitend und unverzagt &#8211; nicht das schlechteste Modell.<\/p>\n<p>Der neue Typus ist dem \u00e4hnlich, den C\u00e9line Vipiana damals entworfen hat: Die Kleider sollen nicht mehr von der Pers\u00f6nlichkeit \u00fcberzeugen. Das verspannte Bem\u00fchen, noch mit jeder G\u00fcrtelschnalle oder kunstvoll zerschlissenen Jeans eine Facette der Pers\u00f6nlichkeit auszudr\u00fccken, wird damit aus der Mode verschwinden. Lange genug war sie \u00e4ngstlich mit dem Ausdruck des Individuellen befasst. Gut hat es ihr nicht getan: Denn Mode ist per definitionem das, was viele tun &#8211; \u00dcberschneidungen in der Garderobe sind da unausweichlich.<\/p>\n<p>Das ist also die gro\u00dfe Neuerung in der Mode: Das \u00e4ngstliche Bem\u00fchen, anders als die anderen zu sein, wird abgel\u00f6st durch den Wunsch, zu sein wie die anderen. Nicht, weil man die Masse sch\u00e4tzt oder das Verschwinden in ihr. Sondern weil die anderen modern sind &#8211; wie man selbst.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/http:\/\/www.taz.de\/!49750\/\">http:\/\/www.taz.de\/!49750\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>taz, Kultur, 16.3.2010 Die Pr\u00eat-\u00e0-porter-Schauen in Paris sind zu Ende gegangen. Zu entdecken war dort eine neue, alte Liaison von Mode und Modernit\u00e4t, die im Hosenanzug, den s\u00e4mtliche H\u00e4user in all seinen Variationen zeigten, ihr gro\u00dfes Defilee hatte. 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