{"id":18,"date":"2011-12-06T15:47:38","date_gmt":"2011-12-06T15:47:38","guid":{"rendered":"http:\/\/katrinkruse.com\/?p=18"},"modified":"2011-12-09T09:13:32","modified_gmt":"2011-12-09T09:13:32","slug":"die-garderobe-gegen-das-gewedel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.katrinkruse.com\/de\/essays\/die-garderobe-gegen-das-gewedel\/","title":{"rendered":"Die Garderobe gegen das Gewedel"},"content":{"rendered":"<p class=\"subheader\">taz, Gesellschaft, 11.10.2010<\/p>\n<p class=\"introduction\">Am Anfang war das wei\u00dfe Hemd: Mit schlichten Entw\u00fcrfen deuten Designer das Ende der Krise. Auf den Pr\u00eat-\u00e0-porter-Schauen wird der Mode-Fr\u00fchling gezeigt<\/p>\n<p>Der n\u00e4chste Fr\u00fchling wird wei\u00df. Die Pariser Modenschauen, die letzte Woche zu Ende gingen, waren \u00fcberm\u00e4\u00dfig, fast schon \u00fcberbordend wei\u00df. Es gibt also tats\u00e4chlich noch Tendenzen. Bemerkenswert allerdings ist etwas anderes: Zum ersten Mal verschwand die Modewoche hinter ihren Berichterstattern. Im Netz sieht es aus wie immer. Glamour, Laufsteg, erste Reihe und jede Menge Bilder von Schauenbesuchern. F\u00fcr die Schauenbesucherin selbst stellt sich die Sache anders dar. Sie sieht nur mehr Glamourproduktion. Dokumentaristen in Echtzeit und Ereigniseinf\u00e4nger, die alles fotografieren, was sich bewegt.<\/p>\n<p>Nach der Stella-McCartney-Schau ist auf dem Vorplatz der Oper angespanntes Lungern. Motive, Motive! Kleine asiatische Blogger ziehen ein Einsneunundziebzig-Model am Etikett seines Shirts herunter. &#8220;Welches Label?&#8221; Das Model wei\u00df nicht, was es heute Morgen aus dem Schrank gezogen hat. Dann huscht Beth Ditto, The-Gossip-S\u00e4ngerin und Oversize-Liebling der Modeszene, heraus. Beh\u00e4nde trippelt sie auf die andere Stra\u00dfenseite. Beh\u00e4nde flitzten ihr die Paparazzi hinterher.<\/p>\n<p>Die Zahl der Berichte ist gro\u00df, in Paris manifestiert sie sich als Platzproblem: Man dringt zu den Kleidern nur noch schwer vor. Die andere Sache ist die Hysterie. Sie gilt heute auch den Chefredakteurinnen der gro\u00dfen Modebl\u00e4tter &#8211; Filmen wie &#8220;Der Teufel tr\u00e4gt Prada&#8221; oder der US-<em>Vogue-<\/em>Dokumentation &#8220;The September Issue&#8221; sei Dank. Und pl\u00f6tzlich h\u00f6rt man Leute \u00fcber die Modezirkushaftigkeit der Mode lamentieren, die fr\u00fcher genau deswegen nach Paris gekommen sind. Friseure schimpfen \u00fcber die &#8220;freudlosen, tablettens\u00fcchtigen, staksenden Weiber&#8221; und Chefredakteurinnen \u00fcber die &#8220;respektlosen&#8221; Ger\u00fcchte-Schreibseleien der &#8220;Entschuldigung: fucking Blogs&#8221;. &#8220;Was? Du schreibst eine t\u00e4gliche Kolumne? Online?&#8221; Das Gesicht der Schweizer Kollegin glitzert vor Verachtung. Wer dieser Tage auf die Pariser Schauen f\u00e4hrt, der beh\u00e4lt das Gesehene besser f\u00fcr sich. Denn &#8211; berichten tun ja schon alle anderen.<\/p>\n<p>Ist man nicht fr\u00fcher einmal genau deswegen hergefahren? Aber eben &#8211; das war, bevor die Schauenbilder Stunden sp\u00e4ter online zu sehen waren. Die Reporterpflicht ist hier ziemlich pass\u00e9. Dar\u00fcber hinaus gibt es nicht mehr zwei Kollektionen j\u00e4hrlich, sondern acht. &#8220;Capter lair du temps&#8221; &#8211; glaubt wirklich noch einer, man k\u00f6nne dem Zeitgeist alle zwei Monate seine Verfasstheit ablauschen? Saison, was f\u00fcr ein altmodischer Begriff! Dabei, ein gro\u00dfartiges Kleid ist ja weiterhin fabelhaft. Man w\u00fcnscht sich einfach weniger Gewedel darum.<\/p>\n<p>Und interessant: Genau diesen Wunsch sieht man auf den Laufstegen auch. Ausgerechnet das wei\u00dfe Hemd ist der Ausgangspunkt vieler Designer gewesen, dieses schlichte, zentrierende, \u00fcbersichtsheischende Basisteil der Herrengarderobe. Am besten hat Phoebe Philo ihre Sache mit dem Wei\u00df gemacht (Tendenz Nummer eins). In der letzten Saison wurde die Chlo\u00e9-Chefdesignerin f\u00fcr die Tragbarkeit ihrer Entw\u00fcrfe hoch gelobt. Heute ist sie das Modeszenen-Postergirl der modernen Frau. Philo widmete sich weitgehend dem Kragenlosen. Maximale, fast operationssaalartige Schlichtheit in den Oberteilen, enorme Weite in den Hosen (Oversize: Tendenz Nummer zwei). Auch aus d\u00fcnnem Denim war diese Kombination zu sehen (Denim: Tendenz Nummer drei).<\/p>\n<p>Dieser neue Modernismus wurde gewisserma\u00dfen von einer Art Mini-Kartell fabriziert. Zu sehen war er bei C\u00e9line, Chlo\u00e9 und Stella McCartney. Der Reigen geht so: Stella McCartney war Chefdesignerin bei Chlo\u00e9, Phoebe Philo ihre Assistentin. Dann wurde Philo Chefdesignerin von Chlo\u00e9, und jetzt ist sie Chefdesignerin von C\u00e9line. Sie hat wohl Spuren hinterlassen.<\/p>\n<p>Die subtilsten Blumendrucke (Tendenz Nummer vier) zeigte Akris. \u00dcbergro\u00dfe Orchideen, Papageientulpen und Mohn waren von Nahem changierende Farbfl\u00e4chen, auf mattes Doubleface-Leinen gedruckt. Das Schweizer Modehaus zeigte auch eine der sch\u00f6nsten Erfindungen des n\u00e4chsten Fr\u00fchjahrs: eine Art Stoffnudeln. Diese dicklichen, stabilen F\u00e4den schlossen das darunterliegende Kleid ein wie ein K\u00e4fig. Wie sie gemacht sind? &#8220;Seidengeorgette, mit Wolle gef\u00fcllt&#8221;, sagt Ute Kriemler, die Mutter des Chefdesigners Albert Kriemler. &#8220;Wir hoffen, dass wir jemanden finden, der sie kommerziell herstellen kann.&#8221; Nicht zu vergessen, Tendenz Nummer f\u00fcnf: Farben. Monochrome Kleidungsst\u00fccke, als Farbbl\u00f6cke gegeneinander gesetzt. Azurblau, ein kr\u00e4ftiges Gr\u00fcn, Koralle. Die Krise ist vorbei, so hat man die Farben in Paris gelesen.<\/p>\n<p>Bisweilen gab es eine \u00dcberdosis Konzeptuelles &#8211; wie bei der Schau der Maison Martin Margiela. Was braucht es, damit sich eine Moderedakteurin auf den Arm genommen gef\u00fchlt? Seit Martin Margiela sein Modehaus verlassen hat, gibt es dort ein veritables Nachfolgerproblem. Margiela war das Phantom der Modewelt und arbeitete stets sehr konzeptuell. Beides will das Haus am Leben halten. Vom Band kam herzschlagartiges, dr\u00e4uendes Klopfen, heraus schritt ein zitterndes Model in einem hellblauen Hemd. An den \u00c4rmeln eine zusammengepresste B\u00fcgelfalte, wie Fl\u00fcgel sahen sie aus. Interessant waren die Hosen mit versteiftem Bund: als habe man ein Lineal in die Vorderfront eingelassen. Dann aber kam das Enigma kn\u00fcppeldick. Ein Jackett war auf eine Pappe aufgespannt und dem Model vor den K\u00f6rper gebunden. So ging es weiter mit Trenchcoats, mit Kleidern &#8211; alle auf der Pappfront. Kaum war das letzte Model abgetreten, sprang das Publikum klaglos auf und verschwand. Man reagiert in Paris nicht, wenn man hochgenommen wird. Man schl\u00fcpft einfach davon.<\/p>\n<p>Marc Jacobs hat f\u00fcr Louis Vuitton eine grandiose Ode ans Zuviel gezeigt &#8211; und damit seinen Kommentar geliefert. Das Thema war Camp, im Kollektionstext waren Ausz\u00fcge aus Susan Sontags Essay &#8220;Anmerkungen zu Camp&#8221; von 1962 zu lesen. Camp, die Lust an der gro\u00dfen Geste und dem \u00dcberkandidelten, kam in Form von schillernden Fransenkleidern daher. Zebramuster war zu sehen. F\u00e4cher mit dem LV-Monogram wurden wie eine Bewegungshilfe des Femininen gehalten. Der &#8220;Camp-Geschmack&#8221;, so wurde Sontag zitiert, sei nur m\u00f6glich in der Wohlstandsgesellschaft, in der &#8220;Psychopathologie des \u00dcberflusses&#8221;. War das tats\u00e4chlich Zynismus? Oder frei flottierende Bedeutung, die sich dann doch nicht niederlassen wollte? Der Konzern LVMH jedenfalls f\u00e4hrt mit dem Luxushaus Louis Vuitton seine gr\u00f6\u00dften Ums\u00e4tze ein. Nebenbei wurde auf dem Laufsteg deutlich, dass Asien in der Modewelt immer wichtiger wird &#8211; in Form von chinesischen Models, chinesischen Prints und dem chinesischen Etuikleid Qipao. Das war, in bester Camp-Manier, sogar noch Qipao-hafter als sein Original.<\/p>\n<p>Und doch war die grandiose \u00dcbersteigerung Randnotiz. Was kommen wird, ist wei\u00df. Dar\u00fcber hinaus: Hosenanz\u00fcge, unbedingt mit hoher Taille. Falsches Denim &#8211; einfach nur Jeansblau. R\u00f6cke, die auf halber Wadenl\u00e4nge enden &#8211; die Tendenz Nummer sechs. Oder Kleider ohne Kragen, aus festem Material. Tats\u00e4chlich sind die wei\u00dfen, weiten Kombinationen in ihrem Volumen und ihrer Reduziertheit ziemlich neu. Das liegt daran, dass diese kragenlosen Oberteile je nach Stoffqualit\u00e4t zwischen Bluse, Jacke und Shirt changieren. Man wei\u00df nicht recht: Was ist das eigentlich? Dementsprechend ambivalent ist ihr Effekt. Sie wirken angezogen und doch leger. Sie sehen ein bisschen nach medizinischer Berufsbekleidung aus und sind gleichzeitig in ihrer Schlichtheit elegant.<\/p>\n<p>Vor allem aber sind diese neuen Hose-Oberteil-Ensembles entschieden &#8211; so diktatorisch, wie ein Designer heute noch sein kann. Sie wollen, so scheint es, genau so getragen werden, wie sie auf dem Laufsteg zu sehen waren: schlicht. Aufregungslos. Es ist die Garderobe gegen das Gewedel.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.taz.de\/!59529\/\">http:\/\/www.taz.de\/!59529\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>taz, Gesellschaft, 11.10.2010 Am Anfang war das wei\u00dfe Hemd: Mit schlichten Entw\u00fcrfen deuten Designer das Ende der Krise. Auf den Pr\u00eat-\u00e0-porter-Schauen wird der Mode-Fr\u00fchling gezeigt Der n\u00e4chste Fr\u00fchling wird wei\u00df. 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