{"id":127,"date":"2012-03-16T18:36:20","date_gmt":"2012-03-16T18:36:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.katrinkruse.com\/?p=127"},"modified":"2013-02-15T13:09:54","modified_gmt":"2013-02-15T13:09:54","slug":"das-kannst-auch-wirklich-nur-du-anziehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.katrinkruse.com\/de\/essays\/das-kannst-auch-wirklich-nur-du-anziehen\/","title":{"rendered":"Das kannst auch wirklich nur du anziehen"},"content":{"rendered":"<p class=\"subheader\">taz kultur, 1. M\u00e4rz 2012<\/p>\n<p class=\"introduction\">Es kommt etwas Neues in Mode. Keine Farbe diesmal, keine Silhouette, kein spezifischer Stil. Es ist nichts, was man kopieren kann, sondern gerade das Gegenteil. Es ist ein Prinzip, und es hei\u00dft: Damit Durchkommen.<\/p>\n<p>Das Englische hat die sch\u00f6neren Vokabeln daf\u00fcr. Dort hie\u00dfe es: \u201eTo get away with it\u201c oder \u201eTo pull it off\u201c, was gleich die zwei wesentlichen Merkmale des Prinzips blo\u00dflegt: ein gewisses Risiko und ein kaltbl\u00fctiger Wagemut. Es gibt St\u00e4dte, deren Mode traditionell schon immer n\u00e4her am Damit-Durchkommen war. London etwa, wo Designer wie Vivienne Westwood durch Entw\u00fcrfe bekannt wurden, die mit gen\u00fcgend Attit\u00fcde balanciert werden mussten.<\/p>\n<p>Ein gewisses Restrisiko bargen ihre Sachen immer: die rosafarbenen Latexleggins aus der Anfangszeit der Boutique \u201eSex\u201c genauso wie die \u00fcbertrieben ausgeformten, sehr busigen und h\u00fcftigen Schneiderkost\u00fcme. Oder die aus Rechtecken zusammengen\u00e4hten T\u00fctenkleider der letzten Jahre, die ein wenig aussahen wie home-made. London sei der klassischen Designermode traditionell abgeneigt, meint der Londoner Anthropologe Daniel Miller: \u201eSie gilt als dumm und vulg\u00e4r.\u201c<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich gilt das Herdenhafte der Mode, die Idee, sich von einer unentschlossen flirrenden Zeitgeistinterpretation die eigene Garderobe diktieren zu lassen, heute weitl\u00e4ufig als dumm. Mode im Sinne des Total Look gilt als Verstellung, der eigene, pers\u00f6nliche Stil z\u00e4hlt mehr: als Charakterbotschaft an die Vor\u00fcbergehenden: So einer bin ich! Es ist heute \u2013 spitzfindige Geister w\u00fcrden sagen \u2013 modern, sich nicht f\u00fcr Mode zu interessieren. \u201eMode interessiert mich nicht\u201c ist ein h\u00fcbsch selbstbestimmter Satz, nur kommt er zu sp\u00e4t: Denn es gibt die Mode gar nicht mehr.<\/p>\n<p>Selbst Modedesigner interessieren sich nicht mehr f\u00fcr Mode. Sie sagen: Ich mache Kleider, die \u00fcber die Saison hinaus tragbar sind. Gleichzeitig entwerfen sie sechs Kollektionen im Jahr: zwei Hauptkollektionen, Fr\u00fchling\/Sommer und Herbst\/Winter, dazu zwei j\u00e4hrliche Pre-Collections, genannt Cruise oder Resort oder Pre Fall. Und dann die Laufstegkollektion, die dramatischer ist, weniger tragbar, aber spektakul\u00e4rer anzusehen. Eine Boutique bekommt im Schnitt einmal pro Monat neue Ware, H&amp;M jeden Tag.<\/p>\n<p>Was im Sale nicht verkauft wird, geht ins Second Season Outlet oder findet sich bei Yoox.com. Es gibt heute eine Unzahl von Kleidungsstilen, Subsegmenten, Revivals vergangener Dekaden, die parallel getragen werden und parallel f\u00fcr modern gehalten. Was wirklich noch unmodern ist, wie bis vor Kurzem die Minimalismen der 90er, ist morgen, also: heute, schon wieder tragbar. Kurz darauf ist es Vintage, und als solches ohnehin erlaubt.<\/p>\n<p>Die Mode ist so beschleunigt, dass es \u201ein der Mode sein\u201c gar nicht mehr gibt: als Wechsel von verschiedenen Stilen, in Halbjahressaisons unterschieden, irgendwie dem Zeitgeist abgelauscht, eine nachvollziehbare Interpretation von dem, was ist. Alles geht, dieser Leitsatz der fr\u00fchen Postmoderne, ist in der Mode erst jetzt wirklich angekommen.<\/p>\n<p>Dieses \u201eAlles geht\u201c ist so verwirrend, dass man nach stabileren Gesetzen sucht und fragt: Darf man das? Oder: Darf man das tragen? Fragen des guten Stils sind ungeheuer<em> <\/em>en vogue, was ein bisschen schade ist: Kaum ist die Freiheit da, m\u00fcssen auch schon ihre Schergen kommen. Dabei gibt es ja noch Trends \u2013 auch wenn nicht mehr ganz klar ist, ob sich die Trendprophezeiungen der Magazine, der Modeblogs und der Onlineshop-Editorials blo\u00df selbst erf\u00fcllen. Es gibt auch noch ein paar Regeln, gruppiert um das gro\u00dfe \u00dcberthema Ich.<\/p>\n<p>Vertrackt ist nicht die Vielfalt, sondern dass wir die Mode einzig identit\u00e4r lesen, als Ich-Pose. Nur glaubt keiner dem anderen mehr, dass er das, was er mit seiner komplex fabrizierten Lifestyle Choice darstellt, auch wirklich ist. Die Stilfibel l\u00f6st das Problem nicht, dass sich Erscheinungen heute nicht mehr lesen lassen. Zudem sich neue, missliche Konnotationen schneller bilden, als man blinzeln kann. Breivik trug offenbar aus Berechnung Lacoste. Und bei allzu gepolsterten Ma\u00dfanz\u00fcgen mit allzu kantigen Schultern f\u00e4llt einem heute Subprime ein.<\/p>\n<p>Die Individualit\u00e4t in der Mode ist ein kleines Paradox, weil die beiden strukturell verfeindet sind. Mode ist das, was viele tun, die Individualit\u00e4t ist ganz dem Eigenen verpflichtet \u2013 kommen beide zusammen, wird ein \u201eindividueller Stil\u201c daraus. Deswegen waren alle Modethemen der letzten Jahre der gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Komplexit\u00e4t verpflichtet: Vintage, Mix and Match, Lagenlooks, \u00fcberdimensionierte, halsfern getragene Strickschals f\u00fcr M\u00e4nner oder die immer verfeinerter abgeschmirgelte, verwaschene, gebleichte, zerl\u00f6cherte oder anderswie ins Bedeutsame gezogene Jeans.<\/p>\n<p>Alles raunte \u2013 von einem anderen Jahrzehnt, einem anderen Vorbesitzer, einer wiederentdeckten Technik. Selbst Ironie war nicht heitere Distanznahme, sondern einzig f\u00fcr die Mehrdeutigkeit da. Man kann diesen individuellen Stil mittlerweile als Maskerade tragen. Und so liest man ihn jetzt auch \u2013 weswegen es zu einem anderen, weniger verkniffenen Umgang mit der Oberfl\u00e4che kommt.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich hat eine Art Wettbewerb eingesetzt in Sachen Kleider, die einem etwas abverlangen: Haltung, Wagemut, vielleicht auch \u00fcberlegener Selbsthumor, wenn man scheitert. Man sieht es in den Modeblogs: Die besten darunter fotografieren nicht mehr absonderliche Individualismen ab, sondern fangen Gegenwart ein (was ja einmal die Aufgabe der Mode gewesen ist). <em>The Sartorialist <\/em>etwa, der das Vestiment\u00e4re mit einer fast enervierenden Ernsthaftigkeit verhandelt, ist fixiert auf das eigentliche Vokabular der Mode, auf Form, Silhouette, Farbkombination, Materialit\u00e4t oder Weisen des Tragens wie gekrempelte Jackett\u00e4rmel.<\/p>\n<p>\u201eGood personal style\u201c bedeutet hier nicht mehr als ein gutes Kleidungsgesp\u00fcr, und dass ein paar erfolgreiche Jackett\u00e4rmelkrempler katalogisiert sind, ist noch keine Bedienungsanleitung. Sie sind nicht als Stilvorbilder gedacht. Die Aufforderung ist nicht: Mach es ebenso! Eher lautet sie: Spiel! Das hier sind die Grundbausteine der Mode: Sei heiter und un\u00e4ngstlich damit.<\/p>\n<p>Das Damit-Durchkommen ist genau dieser spielerische, heitere, un\u00e4ngstliche Umgang mit der Mode. Es ist das Vergn\u00fcgen an Kombinationen mit einer gewissen Fallh\u00f6he, wie sie sich pl\u00f6tzlich auch auf den Laufstegen zeigen \u2013 nachdem dort in den letzten Saisons vor allem die Konzentration auf die Form zu sehen war. Die Vorkollektion von Balenciaga f\u00fcr dieses Fr\u00fchjahr ist ein Achtziger-Jahre-Medley \u2013 teils schmerzlicher als die achtziger Jahre selbst, teils von einer gro\u00dfartigen, pink-schwarzen Unverfrorenheit.<\/p>\n<p>Solche Sachen zu tragen, verlangt nach einem diffizilen Man\u00f6ver: Es braucht eine Spur Unernst, aber distanzieren darf man sich auch nicht davon. Man muss quasi solidarisch mit der eigenen Entscheidung sein, aber gleichzeitig von sich selbst absehen k\u00f6nnen \u2013 also das Gegenteil von dem tun, was derzeit in der Mode geschieht, wo man sich (Komplexit\u00e4t) nie ganz festlegt, sich aber gleichzeitig (Pers\u00f6nlichkeitsausdruck) ungeheuer ernst nimmt.<\/p>\n<p>Gleiches gilt f\u00fcr den schwarz-wei\u00dfen Overall mit abstrakten Zebrastreifen bei C\u00e9line. Und f\u00fcr alles, was in dieser Woche auf den New Yorker Schauen f\u00fcr den n\u00e4chsten Winter bei Marc Jacobs zu sehen war. Er hat eine Parade dessen gezeigt, was vorher nicht ging: die Ernsthaftigkeit im Angesicht der offensichtlichen Verkleidung. Vollends l\u00e4cherliche Proportionen. Das Selbstgebastelte. Dinge, bei denen nicht klar wird, ob sie \u00fcberhaupt Kleidung sind.<\/p>\n<p>In Entw\u00fcrfe \u00fcbersetzt sah das so aus: ein l\u00e4nglicher Topflappen, mit einer \u00fcberdimensionalen Sicherheitsnadel als eine Art Stola um den Oberk\u00f6rper fixiert. Gigantische Nerzh\u00fcte, das Normalma\u00df vergr\u00f6\u00dfert um den Faktor f\u00fcnf. Egg-Shape-R\u00f6cke aus Brokat, als sei ein Sessel geplant gewesen. M\u00e4ntel mit fedrig-unscharfer Silhouette. Alles war fabelhaft daneben. Und es kann danebengehen, und genau das wird der Reiz beim Tragen sein.<\/p>\n<p>Wie auch beim bauschigen Streifenoverall. Man kann ihn nicht zur\u00fccknehmen, er bleibt laut, er verlangt nach Entschiedenheit, es gibt kein: Ich habe es nicht so gemeint! Man muss ihn mit der eigenen Haltung balancieren oder nach Hause gehen, aber das w\u00e4re offenkundig Flucht. Weshalb das gr\u00f6\u00dfte Kompliment, das man hier jemandem machen kann, ist: Das kannst auch wirklich nur du anziehen.<\/p>\n<p>Im Grunde ist das Damit-Durchkommen der Versuch, die Deutungshoheit zur\u00fcckzuerobern: sich nicht mehr von den Dingen sagen zu lassen, wer man ist. Und vielleicht auch, die vor\u00fcbergehenden anderen nicht mehr nach stilistischen Psychogrammen zu lesen, die so nuanciert sind wie Malen nach Zahlen. Es kann in der Mode funktionieren, aber \u00fcberall anders auch. Als Praxis ist \u201eTo get away with it\u201c eine Art Training in Unger\u00fchrtheit. Es scheitert nicht der, der das grelle Ensemble tr\u00e4gt. Es scheitert, wer dar\u00fcber die Selbstverst\u00e4ndlichkeit verliert.<\/p>\n<p>Das extremste Popkulturbeispiel daf\u00fcr ist Lady Gaga: eine, bei der Sonderbares als Sonderbares unbemerkt bleibt, weil sie selbst unger\u00fchrt ist. Mittlerweile ist das System Gaga stabil, das Hyperexzentrische wird ebenso erwartet wie die rasche Bilderproduktion \u2013 nur war das ja nicht immer so. Im Sp\u00e4tsommer 2009, als sie in die Marc-Jacobs-Schau kam, in einem dramatischen, wei\u00dfen PVC-Mantel, eine Art wallender Schleppe, und mit nietenbespickter Augenmaske, bat der Kollege, ein Fan, um ein Bild. Er war der Einzige; es gab zwar Bodyguards, aber noch keinen Grund daf\u00fcr. Der Auftritt war noch nicht durch den Konsens abgefedert, der sp\u00e4ter kam, die Garderobe noch weitestgehend gebastelt. Am Rand standen Zeugen ihrer Anfangszeit, die es selber noch nicht ganz fassen konnten. Es war ein interessanter Moment, weil die Sache auch h\u00e4tte schiefgehen k\u00f6nnen. Aber sie blieb unger\u00fchrt.<\/p>\n<p>Die Frage, ob man es tragen darf, ist allein deswegen falsch, weil die Antwort, ob man es darf, wesentlich von dem abh\u00e4ngt, der es versucht. Zaudert er, geht es daneben. Sichtbarer Zweifel am eigenen Grellsein ist nicht gut, und mit Ironie, dieser verkappten Halbherzigkeit, hat man ohnehin verloren. Genau das hat man in der Mode jetzt verstanden. Die Linguistik nennt so etwas performativ: Es passiert, indem es passiert. Und dann gelingt es. Oder es gelingt nicht.<\/p>\n<p>Also los.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>taz kultur, 1. M\u00e4rz 2012 Es kommt etwas Neues in Mode. Keine Farbe diesmal, keine Silhouette, kein spezifischer Stil. Es ist nichts, was man kopieren kann, sondern gerade das Gegenteil. Es ist ein Prinzip, und es hei\u00dft: Damit Durchkommen. Das Englische hat die sch\u00f6neren Vokabeln daf\u00fcr. 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