KATRIN KRUSE


Politik in Linien

Frieze, d/e NO. 20, Juni/August 2015

Die erste Sammlung der Texte der legendären Modekritikerin Helen Hessel.

Eine Rezension von Helen Hessels Mode­ und Lebensfeuilletons sollte mit Zitaten anfangen, zwei Sätze hier, eine Passage da. Das ginge, weil das, was sie in ihren Texten grandios macht, auch in der Fragmentierung nicht verlorengehen würde: ihr Blick auf die Dinge, in blitzgenauen Sätzen hinskizziert. Wie sie mit einer Neugier und einer Lust einfach schaut, die Realität in sich hineinzieht und sie dann wiedergibt, in ein kluges Prisma gebrochen. Etwa so: „Ein Hut schrumpft ein, viele, alle Hüte schrumpfen ein und mit ihrem Kleinerwerden tun sich die großen Probleme der Mode auf.“

Mit Ich schreibe aus Paris. Über die Mode, das Leben und die Liebe (Nimbus, 2014) liegen Hessels Artikel, die größtenteils in ihrer Zeit als Modekorrespondentin der Frankfurter Zeitung Mitte der 1920er bis Mitte der 30er Jahre entstanden, erstmals als (noch nicht vollständige) Sammlung vor. Das heißt unter anderem: Der Absatz, den Walter Benjamin im Passagenwerk (1927–40) zitiert, lässt sich jetzt im Zusammenhang lesen: „Das in die Stirn gerückte Hütchen, das wir der Manet­Ausstellung zu verdanken haben, beweist nichts anderes als daß wir eine neue Bereitschaft haben, uns mit dem Ende des vorigen Jahrhunderts auseinanderzusetzen.“ An anderer Stelle, in Über den Begriff der Geschichte (1940), wird dieselbe Konstellation bei Benjamin zum „Tigersprung ins Vergangene“. Darüber hinaus bekommt Helen Hessel mit dieser Textsammlung eine zweite – eigentlich ihre erste – Identität als Autorin. Den meisten mag sie einzig über ihre Verkörperung durch Jeanne Moreau bekannt sein, in Truffauts Film Jules et Jim (1962) nach einem quasi­autobiografischen Roman von Henri­Pierre Roché. Der war Helens Liebhaber, sie selbst zweimal verheiratet mit dem Schriftsteller Franz Hessel, und die Dreiecksgeschichte, wie auch den Revolver darin, hat es tatsächlich gegeben – bloß hat Helen Hessel beide Männer überlebt, im echten Leben. (In dem sie übrigens auch Mutter von Stéphane Hessel war.)

Warum Helen Hessel, geboren 1886 in Berlin, gestorben 1982 in Paris, als Modeautorin wichtig war, ist nach der Lektüre absolut klar. Es ist eine Exaktheit in den Kleiderbeschreibungen, von der man stibitzen sollte – vor allem deswegen, weil es „die Mode“ heute so nicht mehr gibt. In den 1920ern, als Hessel zu schreiben begann, kam mit der „Neuen Frau“ zum ersten Mal ein Typus massenhaft in die Mode. In ihren Texten (die sie mit dem vorehelichen Helen Grund zeichnete) lässt sich die erbitterte Debatte dieser Zeit um die Vermännlichung der Frau ablesen. Gesellschaftspolitik über Linien verhandelt, und zwar solche im Kleid.

So etwa: „Seit man die ‚Silhouette‘ stabilisiert hat, das heißt, seit die natürliche Gestalt der Frau nicht mehr verkleidet, sondern bekleidet wird, fehlt der Mode ein weiterer Vorwand zu geheimnisvoll komplizierendem Raffinement.“

Daraus folgert Helen Grund: „Die Frau ist der Diktatur des Modehauses für den Augenblick entwischt, oder, pessimistischer gesagt, die Mode überläßt der Frau für eine Weile die Initiative. Sicher ist, daß, seit Jahren nicht, bei so wenigen unumstößlichen Vorschriften, soviel Appell an den eigenen Geschmack der Frau ergangen ist.“

Es gibt gloriose Beschreibungen in diesem Buch, solche, die Lust machen nicht nur auf die Mode, sondern auf die Welt: „Schon kann man überall in Paris nicht nur im sensationslüsternen Montparnasse Gestalten junger Frauen sehen, die dadurch auffallen, daß sie so unerhört ‚natürlich‘ aussehen“, schreibt Grund über eine ihrer Lieblingsdesignerinnen, Renate Green, die zwischen 1928 und 1934 das Studio „Ré Sport“ betrieb: „Kein Zuviel verleugnet die Form des Körpers; der Effekt einer farbigen Mütze, eines Gürtels, hoher Lackstulpen, die den schlanken Arm ritterlich schützen, einer flockigen Schleife aus Angorawolle, die den Hals zärtlich hüllt, ist so sicher angewandt, daß er durchaus zugehörig und notwendig erscheint.“

Anderes liest sich unerträglich. Unverständlich, warum Hessels Vortrag Vom Wesen der Mode (1935) bis heute als emanzipatorischer Höhenflug behandelt wird. Das Wesen der Mode? „Der Frau hilft sie zur Erfüllung ihrer doppelten Aufgabe: Mutter zu werden und Geliebte zu bleiben.“ Das Ganze in der Grundkonstellation der, an anderer Stelle, „naturgegebene(n) Polygamie des Mannes“, verschärft durch den Frauenüberschuss. Aus feministischer Sicht liest sich das karg, mag der Feminismusbegriff noch so zahm sein.

Wie Hessel die Folgerichtigkeit der Modeentwicklung beschreibt, ist wieder interessant; ähnlich erklärt man heute Trends – wenn Dinge zu viel gesehen sind, schlägt das Pendel um. Sie schildert die Industrie hinter der Eleganz, oder wie der Zeitgeist fabriziert wird. Die Sammlung ihrer Texte stellt noch eine andere, große Frage: Was schreibt man, wenn man alle Protagonisten der Mode einmal in ihren Typisierungen erfasst hat? Wenn das Gewedel um die Schauen nicht mehr neu ist, die Logik der Mode bekannt? Wenn die großen Bewegungen dahinter skizziert sind und keine große neue Zeitgeistdeutung zwingend ist?

Dann liest man aus den Kleidern nicht mehr etwas heraus, sondern schiebt es ihnen unter. Jedenfalls ändert sich in den Artikeln seit Anfang der 30er Jahre der Ton. Weniger Neugier, mehr perlende Floskel. Munteres Ablenkungsparlando, wirklich: Nichtigkeit. Hessels Modemüdigkeit, die mit dem Ende der Affäre Roché parallel läuft, ist in Briefen bezeugt. Franz Hessel fasst es in seinem 1987 posthum ver­ öffentlichten Romanfragment Alter Mann so: „Ich will nun meine Modeartikel auch so schreiben, wie die andern es tun. Ich bin von dem Thema zu Tode erschöpft und kratze letzte Phrasen aus letzten Reserven. Es müsste eigentlich leicht und lustig gehen. Aber mir ist, als habe ich in meinem Wort­ und Bildschatz kein Öl mehr, alles verausgabt.“ Zudem verschieben sich 1933 die Prioritäten.

Was man von Helen Hessel lernen kann, heute: genau hinzu­ schauen. Nicht nur auf Mode, sondern auch auf die, die sie tragen. Wie die sich halten, wie Mode auf ihre Bewegungen und Haltung zurückwirkt. Wie man andere lesen kann, ihre gar nicht so verborgenen Ambitionen. Amerikanerinnen in Paris: „Manche kommen auch herüber, um ihren kleinen Heimatruhm europäisch abstempeln zu lassen. (…) Sehr smart, sehr efficient in ihrem Reisedreß lacht sie zu den letzten Komplimenten der Europäer und nimmt die Rosen und Orchideen der amerikanischen Freunde in Empfang. Sicher, sagt sie, nächstes Jahr komme ich wieder – und: ‚Paris was too delightful, I had the time of my life‘ – und: ‚I’m sure I learnt a lot‘.“

Boshaft ist Helen Hessel in diesen Texten nicht, was auch des­ wegen auffällt, weil das in Texten über sie bisweilen anders ist. Da gibt es eine gewisse Spitzfingrigkeit im Ton, ganz so, als sei ihren Biografen (u. a. Marie ­Françoise Peteuil, Helen Hessel. Die Frau, die Jules und Jim liebte, deutsche Ausgabe 2013) auf der Strecke durch Hessels Leben die Zuneigung für ihre Protagonistin abhanden gekommen. Als seien sie in Sachen liebesentflammter Hessel zweigeteilt, irgendwann – die eine Hälfte ist stolz auf sie, die andere belächelt sie. Dann ist von der „alternden“ Helen Hessel die Rede.

Ich lasse sie schließen: „(…) hastig und überzeugt rangieren wir Freund und Feind in Kategorien, aus denen wir sie nicht leicht mehr entlassen (…). Stimmen im Lauf der Zeit die Adjektive nicht mehr, so wird bequem die Behauptung ins Imperfektum gesetzt, oder man gerät in die zweifelhafte Rubrik: Unberechenbar.“ Wir sollten sie wieder lesen.