KATRIN KRUSE


Das kannst auch wirklich nur du anziehen

taz kultur, 1. März 2012

Es kommt etwas Neues in Mode. Keine Farbe diesmal, keine Silhouette, kein spezifischer Stil. Es ist nichts, was man kopieren kann, sondern gerade das Gegenteil. Es ist ein Prinzip, und es heißt: Damit Durchkommen.

Das Englische hat die schöneren Vokabeln dafür. Dort hieße es: „To get away with it“ oder „To pull it off“, was gleich die zwei wesentlichen Merkmale des Prinzips bloßlegt: ein gewisses Risiko und ein kaltblütiger Wagemut. Es gibt Städte, deren Mode traditionell schon immer näher am Damit-Durchkommen war. London etwa, wo Designer wie Vivienne Westwood durch Entwürfe bekannt wurden, die mit genügend Attitüde balanciert werden mussten.

Ein gewisses Restrisiko bargen ihre Sachen immer: die rosafarbenen Latexleggins aus der Anfangszeit der Boutique „Sex“ genauso wie die übertrieben ausgeformten, sehr busigen und hüftigen Schneiderkostüme. Oder die aus Rechtecken zusammengenähten Tütenkleider der letzten Jahre, die ein wenig aussahen wie home-made. London sei der klassischen Designermode traditionell abgeneigt, meint der Londoner Anthropologe Daniel Miller: „Sie gilt als dumm und vulgär.“

Tatsächlich gilt das Herdenhafte der Mode, die Idee, sich von einer unentschlossen flirrenden Zeitgeistinterpretation die eigene Garderobe diktieren zu lassen, heute weitläufig als dumm. Mode im Sinne des Total Look gilt als Verstellung, der eigene, persönliche Stil zählt mehr: als Charakterbotschaft an die Vorübergehenden: So einer bin ich! Es ist heute – spitzfindige Geister würden sagen – modern, sich nicht für Mode zu interessieren. „Mode interessiert mich nicht“ ist ein hübsch selbstbestimmter Satz, nur kommt er zu spät: Denn es gibt die Mode gar nicht mehr.

Selbst Modedesigner interessieren sich nicht mehr für Mode. Sie sagen: Ich mache Kleider, die über die Saison hinaus tragbar sind. Gleichzeitig entwerfen sie sechs Kollektionen im Jahr: zwei Hauptkollektionen, Frühling/Sommer und Herbst/Winter, dazu zwei jährliche Pre-Collections, genannt Cruise oder Resort oder Pre Fall. Und dann die Laufstegkollektion, die dramatischer ist, weniger tragbar, aber spektakulärer anzusehen. Eine Boutique bekommt im Schnitt einmal pro Monat neue Ware, H&M jeden Tag.

Was im Sale nicht verkauft wird, geht ins Second Season Outlet oder findet sich bei Yoox.com. Es gibt heute eine Unzahl von Kleidungsstilen, Subsegmenten, Revivals vergangener Dekaden, die parallel getragen werden und parallel für modern gehalten. Was wirklich noch unmodern ist, wie bis vor Kurzem die Minimalismen der 90er, ist morgen, also: heute, schon wieder tragbar. Kurz darauf ist es Vintage, und als solches ohnehin erlaubt.

Die Mode ist so beschleunigt, dass es „in der Mode sein“ gar nicht mehr gibt: als Wechsel von verschiedenen Stilen, in Halbjahressaisons unterschieden, irgendwie dem Zeitgeist abgelauscht, eine nachvollziehbare Interpretation von dem, was ist. Alles geht, dieser Leitsatz der frühen Postmoderne, ist in der Mode erst jetzt wirklich angekommen.

Dieses „Alles geht“ ist so verwirrend, dass man nach stabileren Gesetzen sucht und fragt: Darf man das? Oder: Darf man das tragen? Fragen des guten Stils sind ungeheuer en vogue, was ein bisschen schade ist: Kaum ist die Freiheit da, müssen auch schon ihre Schergen kommen. Dabei gibt es ja noch Trends – auch wenn nicht mehr ganz klar ist, ob sich die Trendprophezeiungen der Magazine, der Modeblogs und der Onlineshop-Editorials bloß selbst erfüllen. Es gibt auch noch ein paar Regeln, gruppiert um das große Überthema Ich.

Vertrackt ist nicht die Vielfalt, sondern dass wir die Mode einzig identitär lesen, als Ich-Pose. Nur glaubt keiner dem anderen mehr, dass er das, was er mit seiner komplex fabrizierten Lifestyle Choice darstellt, auch wirklich ist. Die Stilfibel löst das Problem nicht, dass sich Erscheinungen heute nicht mehr lesen lassen. Zudem sich neue, missliche Konnotationen schneller bilden, als man blinzeln kann. Breivik trug offenbar aus Berechnung Lacoste. Und bei allzu gepolsterten Maßanzügen mit allzu kantigen Schultern fällt einem heute Subprime ein.

Die Individualität in der Mode ist ein kleines Paradox, weil die beiden strukturell verfeindet sind. Mode ist das, was viele tun, die Individualität ist ganz dem Eigenen verpflichtet – kommen beide zusammen, wird ein „individueller Stil“ daraus. Deswegen waren alle Modethemen der letzten Jahre der größtmöglichen Komplexität verpflichtet: Vintage, Mix and Match, Lagenlooks, überdimensionierte, halsfern getragene Strickschals für Männer oder die immer verfeinerter abgeschmirgelte, verwaschene, gebleichte, zerlöcherte oder anderswie ins Bedeutsame gezogene Jeans.

Alles raunte – von einem anderen Jahrzehnt, einem anderen Vorbesitzer, einer wiederentdeckten Technik. Selbst Ironie war nicht heitere Distanznahme, sondern einzig für die Mehrdeutigkeit da. Man kann diesen individuellen Stil mittlerweile als Maskerade tragen. Und so liest man ihn jetzt auch – weswegen es zu einem anderen, weniger verkniffenen Umgang mit der Oberfläche kommt.

Tatsächlich hat eine Art Wettbewerb eingesetzt in Sachen Kleider, die einem etwas abverlangen: Haltung, Wagemut, vielleicht auch überlegener Selbsthumor, wenn man scheitert. Man sieht es in den Modeblogs: Die besten darunter fotografieren nicht mehr absonderliche Individualismen ab, sondern fangen Gegenwart ein (was ja einmal die Aufgabe der Mode gewesen ist). The Sartorialist etwa, der das Vestimentäre mit einer fast enervierenden Ernsthaftigkeit verhandelt, ist fixiert auf das eigentliche Vokabular der Mode, auf Form, Silhouette, Farbkombination, Materialität oder Weisen des Tragens wie gekrempelte Jackettärmel.

„Good personal style“ bedeutet hier nicht mehr als ein gutes Kleidungsgespür, und dass ein paar erfolgreiche Jackettärmelkrempler katalogisiert sind, ist noch keine Bedienungsanleitung. Sie sind nicht als Stilvorbilder gedacht. Die Aufforderung ist nicht: Mach es ebenso! Eher lautet sie: Spiel! Das hier sind die Grundbausteine der Mode: Sei heiter und unängstlich damit.

Das Damit-Durchkommen ist genau dieser spielerische, heitere, unängstliche Umgang mit der Mode. Es ist das Vergnügen an Kombinationen mit einer gewissen Fallhöhe, wie sie sich plötzlich auch auf den Laufstegen zeigen – nachdem dort in den letzten Saisons vor allem die Konzentration auf die Form zu sehen war. Die Vorkollektion von Balenciaga für dieses Frühjahr ist ein Achtziger-Jahre-Medley – teils schmerzlicher als die achtziger Jahre selbst, teils von einer großartigen, pink-schwarzen Unverfrorenheit.

Solche Sachen zu tragen, verlangt nach einem diffizilen Manöver: Es braucht eine Spur Unernst, aber distanzieren darf man sich auch nicht davon. Man muss quasi solidarisch mit der eigenen Entscheidung sein, aber gleichzeitig von sich selbst absehen können – also das Gegenteil von dem tun, was derzeit in der Mode geschieht, wo man sich (Komplexität) nie ganz festlegt, sich aber gleichzeitig (Persönlichkeitsausdruck) ungeheuer ernst nimmt.

Gleiches gilt für den schwarz-weißen Overall mit abstrakten Zebrastreifen bei Céline. Und für alles, was in dieser Woche auf den New Yorker Schauen für den nächsten Winter bei Marc Jacobs zu sehen war. Er hat eine Parade dessen gezeigt, was vorher nicht ging: die Ernsthaftigkeit im Angesicht der offensichtlichen Verkleidung. Vollends lächerliche Proportionen. Das Selbstgebastelte. Dinge, bei denen nicht klar wird, ob sie überhaupt Kleidung sind.

In Entwürfe übersetzt sah das so aus: ein länglicher Topflappen, mit einer überdimensionalen Sicherheitsnadel als eine Art Stola um den Oberkörper fixiert. Gigantische Nerzhüte, das Normalmaß vergrößert um den Faktor fünf. Egg-Shape-Röcke aus Brokat, als sei ein Sessel geplant gewesen. Mäntel mit fedrig-unscharfer Silhouette. Alles war fabelhaft daneben. Und es kann danebengehen, und genau das wird der Reiz beim Tragen sein.

Wie auch beim bauschigen Streifenoverall. Man kann ihn nicht zurücknehmen, er bleibt laut, er verlangt nach Entschiedenheit, es gibt kein: Ich habe es nicht so gemeint! Man muss ihn mit der eigenen Haltung balancieren oder nach Hause gehen, aber das wäre offenkundig Flucht. Weshalb das größte Kompliment, das man hier jemandem machen kann, ist: Das kannst auch wirklich nur du anziehen.

Im Grunde ist das Damit-Durchkommen der Versuch, die Deutungshoheit zurückzuerobern: sich nicht mehr von den Dingen sagen zu lassen, wer man ist. Und vielleicht auch, die vorübergehenden anderen nicht mehr nach stilistischen Psychogrammen zu lesen, die so nuanciert sind wie Malen nach Zahlen. Es kann in der Mode funktionieren, aber überall anders auch. Als Praxis ist „To get away with it“ eine Art Training in Ungerührtheit. Es scheitert nicht der, der das grelle Ensemble trägt. Es scheitert, wer darüber die Selbstverständlichkeit verliert.

Das extremste Popkulturbeispiel dafür ist Lady Gaga: eine, bei der Sonderbares als Sonderbares unbemerkt bleibt, weil sie selbst ungerührt ist. Mittlerweile ist das System Gaga stabil, das Hyperexzentrische wird ebenso erwartet wie die rasche Bilderproduktion – nur war das ja nicht immer so. Im Spätsommer 2009, als sie in die Marc-Jacobs-Schau kam, in einem dramatischen, weißen PVC-Mantel, eine Art wallender Schleppe, und mit nietenbespickter Augenmaske, bat der Kollege, ein Fan, um ein Bild. Er war der Einzige; es gab zwar Bodyguards, aber noch keinen Grund dafür. Der Auftritt war noch nicht durch den Konsens abgefedert, der später kam, die Garderobe noch weitestgehend gebastelt. Am Rand standen Zeugen ihrer Anfangszeit, die es selber noch nicht ganz fassen konnten. Es war ein interessanter Moment, weil die Sache auch hätte schiefgehen können. Aber sie blieb ungerührt.

Die Frage, ob man es tragen darf, ist allein deswegen falsch, weil die Antwort, ob man es darf, wesentlich von dem abhängt, der es versucht. Zaudert er, geht es daneben. Sichtbarer Zweifel am eigenen Grellsein ist nicht gut, und mit Ironie, dieser verkappten Halbherzigkeit, hat man ohnehin verloren. Genau das hat man in der Mode jetzt verstanden. Die Linguistik nennt so etwas performativ: Es passiert, indem es passiert. Und dann gelingt es. Oder es gelingt nicht.

Also los.